Die Stadt, Dein Müll & Ich

Alle Welt regt sich darüber auf, dass und wenn sich der Müll in hässlichen Ecken auftürmt. Die Boulevardpresse nimmt sich solcher Angelegenheiten gerne an, ist halt nicht so anstrengend, sich über sowas den Kopf zu zerbrechen. Nennenswerte Berichte zu Politik, Rassismus, Ausbeutung, Flucht und Vertreibung, gar den Mangel an Humanismus sind deren Zeitungslesern kaum zuzumuten, schon gar nicht auf einer differenzierten, klugen, gar kritischen Ebene, die das Bewußtsein schärfen und damit eine Bewußtseinsschärfung fördern würde.
Die Mopo betreibt seit einiger Zeit unter dem Aufruf „Stoppt die Müllferkel“ eine interaktive Denunziationskampagne. Da kann der brave Bürger Hamburgs Schmuddelecken fotografieren und auf der Karte eintragen. Denn wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann hier, am Fehlverhalten der Bevölkerung. Das sieht jeder ein, und keiner findet das gut, was da los ist in der Stadt, da besteht Handlungsbedarf und zwar unverzüglich.
Snapshot_Denunziation-Mopo-de
Beispielhafte Denunziation einer Schmuddelecke auf mopo.de
Kleiner Tipp: Wer sich die Kosten für die Sperrmüllabholung sparen möchte, klumpt seinen Kram hinters Haus, macht n Foto, läd das hoch und mit ein wenig Glück sorgt die Saubermopo dafür, dass da mal so richtig aufgeräumt wird. Keine Sorge, liebe Müllabfuhr, euer Geschäftsmodell ist nicht in Gefahr, niemals würde die niedere Presse der naheliegenden Idee verfallen, die Sperrmüllabholung sollte kostenlos sein, doch nicht um Lösungsansätze für Probleme auf einfachster Ebene zu entwickeln.
Und noch ein Tipp: Lässt sich die Kampagne nicht erweitern? Ich kenne so viele Leute, die die Treppe nicht regelmäßig putzen. Mich selbst z.B. Letzen Herbst hab ich das mal gemacht, das ist so schön geworden, da zehre ich heute noch von. Foto hochladen, Adresse bekanntgeben.
Wie man schon hier sieht, sehe ich die Sache natürlich ganz anders – das war ja wieder mal klar. Ich bin ja sowas von anti-gegen-un-dafür, im Mittelalter hätten sie mich sofort verbrannt, weil ich dauernd komische Vorstellungen habe.
Es ist nämlich so: Vermüllte Orte sind mir nicht nur Materialquellen, sondern auch Orte der Inspiration. Bei meinen regelmäßigen Erntetouren in und auf pleite gegangenen Bauvorhaben, in Industriegebieten und auf Ödflächen, die hier und da mitten in der Stadt rumlungern wie aus einem Paralleluniversum teleportiert und ganz besonders in den letzten Ecken im Hafen, befinde ich mich stets im Schlaraffenland. Es ist sensationell, was die Leute so alles in die Elbe schmeißen, herrliches Arbeitsmaterial, das sich von den Gezeiten in den Uberbefestigungen verfängt und nur auf mich wartet und von den Zeiten, die es auf mich wartet eine einzigartige Oberflächenmorphologie entwickelt hat.
Ich bin deswegen total dafür, dass die Idiotie niemals ausstirbt. Bleibt alle totale Vollpfosten und schmeißt euren Krempel in die Gegend. Wenn irgendwo was liegt, tut was dazu. Ihr habt ja nicht angefangen damit und seid höchstens halb Schuld. Bleibt so asozial, die paar Meter zur Mülltonne nicht mehr zu finden, nur weil vorm Haus ein Baugerüst steht.
Asozial ist es übrigens auch, wie häufig ich mich mit der Polizei plagen darf, weil ich es wage, im Müll zu wühlen! Dabei ist es mit mir ganz einfach: Wenn ich eine Ödfläche betrete, und das tue ich selbstverständlich auch angenagelten, voll vernagelten Verboten zum Trotz, ist es dort anschließend immer etwas sauberer. Fündig werde ich immer, und wenn es nur ein rostiger Nagel ist.

Zum Schluss mein Dank direkt an dich:

Als Hamburger Oberexperte was letzte Ecken angeht, hab ich neulich in der Hafencity deinen ziemlich verwitterten Haufen alter Zwischenwände entdeckt und einen Großteil der verwertbaren Pappfüllungen geborgen. Ich danke dir für das tolle Zeug. Ich hab schon was draus gemacht – und einige der Werke letztes Wochenende zurück an ihren Geburtsort getragen, um sie dort zu fotografieren:

Mail_Sitzend-001
Iven Einszehn: Hafencitiyviecher 1
Mail_Stehend-005
Iven Einszehn: Hafencityviecher 2
Mail_Stehend-und-Sitzend-001
Iven Einszehn: Hafencityviecher 1 + 2
Mail_Wachhund-Wurm-004
Iven Einszehn: Hafencityviecher 3,
in Wahrheit: „Wachhund“
(in Privatbesitz)
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