Ich bin gut und das ist schwul so

Beim Kunstfestival Mystique in Magdeburg vor zwei Jahren war eins meiner Werke besonders fotobeliebt. Die Umkehrung der Äußerung von Klaus Wowereit, mit der er zum Amtsantritt als regierender Bürgermeister Berlins allem Getuschel den Boden unter den Füßen weggezogen hat.

Bemerkenswert an seiner Äußerung „Ich bin schwul und das ist gut so“ ist die vollkommene Unnötigkeit dieses Bekenntnisses. Denn Wowereit hat ohnehin öffentlich schwul gelebt, nur Ignoranten konnte das entgangen sein.

Der biederbürgerliche Block unserer Gesellschaft hat es allerdings nach wie vor nötig, selbst über Offensichtlichkeiten zu tuscheln und Gerüchte in die Welt zu setzen, als ließe sich einer homophoben Gesinnung doch noch die für Ressentiments dringend benötigte Häme abringen, wenn man sie nur unter der Hand verbreitet, so dass sie den Charakter des Ekelhaften erhält (bzw. behält) …

Genau deshalb waren und sind Wowereits Worte ein ausgesprochenes Politikum. Tatsächlich müssen sich Schwule permanent erklären. Tatsächlich werden Schwule immer wieder – und  gerne total zusammenhanglos – gefragt, ob sie schwul sind.

Ich habe es noch nie erlebt, dass ein Hetero bei Aldi in der Kassenschlange plötzlich von einem Wildfremden gefragt wird: „Bist du eigentlich hetero?“

Iven Einszehn Spruchtafel "Ich bin gut und das ist schwul so" (Treib- und Fundholz, genäht und bestickt / lasiert)
Iven Einszehn
Spruchtafel
„Ich bin gut und das ist schwul so“
(Treib- und Fundholz, genäht und bestickt / lasiert)

Mich hat es vor zwei Jahren echt überrascht, dass ausgerechnet dieser Spruch so beliebt war.

Als schwul lebender Mensch kann man sich nämlich leicht einbilden, wir lebten in einer Gesellschaft, in der ein schwules Leben unbeschwert möglich ist. Dieser Fehler beruht allerdings darauf, sich in einem (seinem) schwul funktionierenden Mikrokosmos zu bewegen, in dem man sich toleriert glaubt, in Wahrheit aber überhaupt nicht toleriert wird, weil man akzeptiert wird, also schlicht keine Ausgrenzung erfährt. Toleranz wird gerne mit Akzeptanz verwechselt; Toleranz bedeutet aber nicht, etwas gut zu finden, gegen das man eh nichts hat; Toleranz bedeutet Überwindung.

Verlässt man seinen schwul funktionierenden und damit geschützten Kontext nur um fünf Millimeter, befindet man sich auf Feindgebiet. Nicht ohne Grund sind öffentliche Küsse Gleichgeschlechtlicher selbst hierzulande bis heute nicht an der Tagesordnung!

Zum diesjährigen CSD in Magdeburg am 22. August hat es mein Spruch in die Öffentlichkeit geschafft.

Snapshot Volksstimme.de
Snapshot Volksstimme.de

Ein schöneres Kompliment kann man für seine Kunst kaum bekommen … 🙂

 

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