Fußnote: Die Polizei und die Kunst

Die Kunst wird ja gerne falsch verstanden, viel lieber noch – gar nicht. Grund genug, sich einzumischen, sich aufzuregen, zu hetzen und zu ätzen. Bei der Kunst denkt nämlich jeder, dass es vollkommen ausreicht, keine Ahnung zu haben, um mitzureden. Da haben es Mathematiker schon besser. Kein Ahnungsloser stellt deren Kenntnisse in Zweifel und wagt es, denen mit blöden Ideen zu kommen.

Neulich war die Polizei war zu Besuch. Beschwerden wegen Kunst auf dem Fensterbrett meines Arbeitszimmers. Da blickt ein Puppenobjekt auf die Straße, die Wutprobe. Eine Puppenskulptur, der ich vermittels eines in den Schritt genähten Böllers eine hübsche Erektion[1] verpasst habe. Das einfache Gemüt erkennt natürlich nicht die Gewitztheit an der Sache, die sich aus dem Gesamtzusammenhang ergibt. Das Objekt stellt offensichtlich einen Jugendlichen dar, der sich auflehnt. Gegen jeden und alles. Pflastersteine und idealisierte Proteste von Anarchie, Hausbesetzung, Linksradikalität und elterliche Sorge inclusive. Und dann der Böller – nichts anderes, als die aufkeimende Sexualität. Die ist in einem gewissen Alter eben höchst explosiv, und sie explodiert in diesem gewissen Alter eben in alle möglichen Richtungen.

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Ein Fall für die Polizei:
„Wutprobe“ von Iven Einszehn

Das alles erschließt sich dem einfachen Gemüt allerdings nicht, weil eine Auseinandersetzung mit dem Werk nicht stattfindet. Wozu auch, das führt ja zu nichts, davon würde man ja was verstehen. Und das würde den Kurzschluss zunichtemachen. So fällt nicht auf, dass sich dort zwar wohlplatziert ein Böller befindet, der Ständer hingegen erst im Kopf des Betrachters entsteht. Und der wittert nun Pornografie! Das sagt tatsächlich einiges aus. Aber nicht über die Kunst oder den Künstler.

Die Polizei fragt, ob ich den Böller nicht abmachen könnte? Also bitte: An der Kunst rummurksen? Abgelehnt. Oder die Skulptur umdrehen? Nein. Oder ganz aus dem Fenster nehmen? Auch nicht. Dreimal nein. Und die Polizei sieht das ein.

Die Polizei hat weder gedrängt noch gefordert, nur höflich gefragt. So war dieser zaghafte Versuch von Einflussnahme, der, würde er in einem anderen Land geschehen, für uns bereits als versuchte Zensur durchginge, eher amüsant.

Für einen anderen Menschen allerdings wäre allein ein Besuch der Polizei Einschüchterung genug gewesen, um ihren Wünschen zu entsprechen. Dazu braucht es gar keine große Obrigkeitshörigkeit. Dazu reicht es, dass die Polizei es einem weiszumachen versteht, sie handle grundsätzlich aus gesetzlicher Rechtfertigung heraus. Nach dem Motto: Wenn die Polizei schon kommt und etwas möchte, habe man entsprechend zu handeln. So denkt beispielsweise ein Großteil der Bevölkerung, es gebe die Pflicht, den Personalausweis stets mit sich zu führen, weil die Polizei bei jeder Gelegenheit danach fragt. Diese Pflicht gibt es nicht, auch wenn die Polizei es gerne anders hätte.

Und so ist auch der Besuch der Polizei bei mir eine vollkommen fehlgesteuerte Amtshandlung. Was fällt der überhaupt ein, deswegen bei mir aufzutauchen! Das einzige, was sie hätte tun dürfen, wäre eine Besichtigung der vermeintlich inkriminierten Kunst. Von der Straße aus.

Um dann nicht mich mit nutzlosen Wünschen zu behelligen, sondern den Beschwerdeführer mit der Gesetzeslage in diesem Land vertraut zu machen! Dort und nur dort gab und gibt es Gesprächsbedarf. Leider für immer und ewig. Denn Dummheit ist ein endlos nachwachsender Naturrohstoff. Der beständige Abbau dieses Rohstoffs gehört durchaus zum Tagesgeschäft eines Künstlers. Dazu gehört eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt:

Wieso gibt es in unseren Gesetzeswerken so etwas Schwammiges wie die Erregung öffentlichen Ärgernisses – aber die öffentliche Entblödung ist jederzeit gestattet?

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[1] Kleine Schwanzkunde:

In der Kunst wird nicht ohne Grund der Begriff Phallus verwendet.

Egal wie prachtvoll, übertrieben und drohend die Latten da durch die Altertumsmuseen erigieren: Mit dem Begriff Phallus wird der steife Schwanz quasi entsexualisiert auf eine höhere Stufe der Betrachtung gestellt.

Antike Hammerlatten erheben sich kunstgeschichtlich allerdings irgendwie über zeitgenössische Ständer. Aus irgendeinem Grunde können moderne Schwänze in der Kunst also pornografisch sein, Hartholz, das 2000 Jahre überdauert hat, aber nicht. Das versteh mal einer!

(Und um das zu verstehen, überprüfe ich manche meiner Ausstellungen darauf, ob sie genug Schwanz hat …)

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