Alles auf’m Zettel: Überstuss

Ich habe Einkaufsalzheimer. Ich schreibe mir immer einen Einkaufszettel, damit ich nichts vergesse, vergesse aber immer, den Zettel mitzunehmen. Im Laden weiß ich dann gar nicht so genau, was ich brauche. Einmal aufgeschrieben sind die Sachen aus meinem Gedächtnis gelöscht oder durch rudimentäre Erinnerungen ersetzt. Stand auf dem Zettel z.B. Apfelsaft, weiß ich im Laden nichts mehr davon, egal wie durstig ich bin, ich erinnere mich höchstens an Obst. Also kaufe ich Bananen und lege sie zu Hause zu den anderen schwarzen Dingern.

Bananen kaufe ich eigentlich immer, denn ich weiß nie mit Sicherheit, dass ich längst welche besitze. Essen tu ich Bananen schon gar nicht. Ich esse Bananen nämlich gerne. Deshalb besteht meine Art Bananen zu essen im regelmäßigen Bananen Wegwerfen. Wenn ich die Bananen in der Küche überhaupt mal entdecke, sind sie mir entweder zu verwest oder ich will sie später essen. Später bin ich aber satt von was Anderem oder ich weiß später nichts mehr davon, dass ich Bananen essen wollte. Viel öfter noch nehme ich mir einfach vor, Bananen zu kaufen. Auf dem Einkaufszettel landen Bananen bei mir deshalb noch lange nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals absichtlich Bananen gekauft zu haben.

Manchmal habe ich Glück und die Bananen sehen schon im Laden nicht mehr so appetitlich aus, dann gelingt es mir, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Dann kaufe ich Äpfel, die brauchen wesentlich länger, um schlecht zu werden. Ideales Obst, das man nicht essen möchte, wäre allerdings Zitronen. Die versteinern nach einigen Monaten regelrecht, so dass sie selbst nach Jahren nicht unangenehm auffallen, falls man sie ihrem Ursprung nach mal versehentlich wiedererkennt.

Um im Laden nichts falsch zu machen, sehe ich mir alles sehr genau an. Ich überprüfe gewissenhaft alles und jedes. Habe ich herausgefunden, dass ich wahrscheinlich kein Brot brauche, inspiziere ich ausführlich das vielfältige Angebot in mehreren Regalen. Da gibt es wunderliche Dinge, an denen mein Hirn schon seit Jahren entbrennt.

Das Landbrot etwa. Wird das in frischer Landluft gebacken, um dann in die Stadt gekarrt zu werden? Oder ist Land drin? Schöne, gesunde Dorferde? Oder stammen die Zutaten etwa vom Lande? Wie kann das sein!

Auch das Mühlenbrot macht mich stutzig. Soll mir der Begriff suggerieren, dass in diesem Brot noch altmodisches, gemahlenes Mehl verwendet wurde, aus einer Mühle eben? Oder wurde hier eine Fachwerkmühle geschrotet?

Direkt daneben liegt ein Brot, da steht fett Sonnenkern drauf. Der Wikipediaartikel dazu beginnt mit den Worten: „Pro Sekunde werden im Sonnenkern grob 600 Millionen Tonnen Wasserstoff umgewandelt …“ Ein Wasserstoffbrot also.

Ich brauche immer viel Zeit zum Einkaufen. Ich irre durch die Gänge, ich überprüfe alles und jedes, nichts lass ich aus, sicher ist sicher. Irgendwas will ich ja, sonst wär ich nicht hier. Ich inspiziere selbst Abteilungen, randvoll gefüllt mit Dingen, für die ich nie Verwendung hätte, Campingzubehör und Kinderspielzeug, Pediküresets und Motoröle. Ich lasse mich von Verpackungen locken und lese die Produktproduktbeschreibungen, ich wäge die Qualität ab, überlege ob der Preis stimmt. Mit anderen Worten, ich prüfe, ob das, wenn ich nur herausfinden könnte, was es überhaupt ist, gut und billig genug ist, dass ich es irgendwie gebrauchen könnte. So entgeht mir nichts, ich entdecke jede Entgleisung, mit der Marketingexperten uns in die Ecke nie gekannter Bedürfnisse treiben. Etwa die Freizeitleuchte.

Das wirft Fragen auf. So eine Freizeitleuchte, das ist ja nicht bloß eine Taschenlampe, die ist einem bestimmten Zweck unterworfen. Aber wie geht der? Ist eine Leuchte überhaupt eine Lampe oder leuchtet die bloß, so ein bisschen hübsch vor sich hin, quasi zweckfrei, so dass man sie nicht im Sinne einer Lampe benutzen kann. Ist diese Leuchte dazu da, um während seiner Freizeit besser erkannt zu werden, bzw. die Freizeit daran?

Leider ist dem Produkt nur dieses fragwürdige Attribut auferlegt, keine dreißigseitige Anleitung, wie die Leuchte in der Freizeit zu benutzen wäre, was einem droht, wenn man sie auf der Arbeit mal anmacht. Kurz überlege ich, den Hersteller anzuschreiben, gleichzeitig wäre ich gerne Metzger, um die Idee zu übernehmen. Ich würde Freizeitwurst verkaufen, die ideale Wurst für zwischendurch. Ich sollte in die Werbung gehen: Bifi – die Freizeitwurst!

Manchmal geht mir das alles zu sehr auf die Nerven. Dieser Überfluss-Stuss, dieser Überstuss. Dann mache ich aus der Not eine Tugend. Dann fische ich einen gebrauchten Einkaufszettel aus einem der Wagen und kaufe eben das, was da draufsteht. Seit Jahren stapeln sich bei mir Damenbinden, Wollwaschmittel, Fernsehzeitschriften, Filtertüten und etlicher anderer Kram, für den ich keine Verwendung habe.

Immerhin ist viel Zeug darunter, das nie schlecht wird. Spätestens im nächsten Krieg kann ich das alles gut gebrauchen.


Neu: Iven auf Twitter


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Der Kauf dieses Buches wird mit Lesen nicht unter 114 Seiten bestraft!

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