Auferstanden aus Ruinen

Zurzeit herrscht in Mecklenburg-Vorpommern Wahlkampf, der Weg über die Dörfer beschert einem keinen entspannten Sonntagsausflug. NPD-Plakate prägen das Straßenbild, manches Örtchen ist derart dominant allein von der NPD zuplakatiert, man könnte meinen, die ersehnte Diktatur wäre dort längst eingeführt. In gewisser Weiser stimmt das sogar, denn manches Dorf hat als Nazidorf traurige Berühmtheit erlangt.

Während die Gemeinde Gägelow praktisch unbekannt ist, gilt der Ortsteil Jamel als das Nazidorf schlechthin, denn die Einwohner machen aus ihrer kruden Gesinnung keinen Hehl. Das Dorfbild ist geprägt von Bekenntnissen der besonderen Art, hier wird unverhohlen dem Nationalsozialismus gehuldigt. Eine völkische Wandmalerei verklärt Jamel zur „frei-sozial-nationalen Dorfgemeinschaft“, ein selbstgebasteltes Hinweisschild weist nach Braunau, den höchsten Punkt dieser „Dorfgemeinschaft“ markiert eine Reichsflagge.

In Jamel hängt nicht ein einziges NPD-Plakat. Hoffnung auf Sabotage besteht allerdings nicht. Auch andere Parteien haben es nicht nötig, in Jamel zu werben, weder für sich noch für antifaschistische Werte. Da stehen die einen wohl auf verlorenem Posten, während andere sich bequem auf der sicheren Seite wähnen.

Mittendrin behaupten sich seit 2004 die aus dem multikulturell geprägten Hamburg-St. Pauli stammenden Birgit und Horst Lohmeyer. Sie zählen nicht zur Dorfgemeinschaft Jamel und sind damit die einzig nennenswerte Gemeinschaft in Jamel schlechthin. Das Paar führt seit Jahr und Tag einen beständigen Kampf gegen die Neonazis in unmittelbarer Nachbarschaft, trotzt allen Anfeindungen und denkt nicht dran, den Ort zu verlassen oder sich der Nachbarschaft zu unterwerfen und den Verstand einzustellen. Die Lohmeyers ergreifen das Wort und suchen die Öffentlichkeit, für ihre Zivilcourage wurden sie unter anderem mit dem Paul-Spiegel-Preis und dem Georg-Leber-Preis geehrt. Seit 10 Jahren organisieren sie das Open-Air-Festival Jamel rockt den Förster und setzen damit und mit allen Teilnehmern, Besuchern und Gästen ein starkes Zeichen gegen Rechtsextremismus.

Vor einem Jahr brannte wahrscheinlich genau für dieses Engagement ihre Scheune. Zum Jahrestag der bis heute unaufgeklärten Brandstiftung wurde am 13.08. ein Mahnmal eingeweiht. Der Schweizer Künstler Harry Schaffer, eng befreundet mit den Lohmeyers, hat am Brandort eine Woche lang aus den verkohlten Eichenbohlen eine vier Meter hohe Pyramide aufgestapelt, die Pyromide, die trotzig ein Kreuz in den Himmel streckt, zum Zeichen des Zusammenhalts und der Widerauferstehung: Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt. Aus den Abschnitten, die beim Zurichten der Bohlen angefallen sind, hat Schaffer außerdem ein kleines Stelenfeld errichtet, welchem dem Ort eine zusätzliche Dimension verleiht. Denn die Stelen wirken wie eine der Pyromide gegenübergestellte Menschenmenge, die mahnend Wache hält.

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Harry Schaffer, Birgit & Horst Lohmeyer vor Pyromide
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Pyromide von Harry Schaffer
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Pyromide, Detail
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Stelenfeld von Harry Schaffer
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Überrest: Grundmauer der abgebrannten Scheune

Zur Einweihung des Mahnmals hatten die Lohmeyers persönlich geladen, es haben sich gerade einmal knapp 25 Gäste eingefunden. Zwar waren meine Frau und ich nicht eingeladen, dennoch hatte ich unterstellt, im Vorfeld der Berichterstattung über den Bau der Pyromide würden auch andere dieses Ereignis wichtig nehmen und ungefragt anreisen. Denn ein Zeichen zu setzen, wie es die Lohmeyers tun, verdient Beachtung – da braucht man gar keine Einladung, ein solches Zeichen aufzunehmen und durch persönliche Anwesenheit zum eigenen Bekenntnis zu machen, was letztlich auch die Arbeit zweier einsamer Kämpfer stärkt …

… Immerhin folgt in 14 Tagen Jamel rockt den Förster, und dieses Festival-Wochenende bestärkt die Lohmeyers jedes Jahr.

 

Open-Air-Festival Jamel rockt den Förster
26./27. August
u.a. mit Bela B, Madsen und Turbostaat
Tageskarten € 15,- / Wochenendticket € 25,-
Jamel bei Gressow / Wismar
www.forstrock.de
Pyromide und Stelenfeld von Harry Schaffer
www.studioschaffer.ch



Artikel in der jungen Welt vom 23.08.2016
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