Plotbot Ken im Small Space

Rudi D. Klöckner, der Macher

Wer sich für Streetart interessiert, kommt an Rudi D. Klöckner nicht vorbei. Bereits seit zehn Jahren betreibt Rudi das Portal urbanshit. Mit seinen täglichen Schlaglichtern auf die Szene der Urbanart ist Rudi hierzulande längst einer der vorrangigen Archivare urbaner Kulturen, der mit unbefangenem Blick auch abwegigste Interventionen im öffentlichen Raum zu würdigen weiß. Den ewig und immer wieder aufkeimenden Diskussionen, häufig eher noch Anfeindungen im Bild-Zeitungs-Niveau, dies oder das wäre ja bloß Sachbeschädigung, purer Schwachsinn, hätte mit Kunst gar nichts zu tun usw. blabla, weiß Rudi doch immer wieder mit einer kleinen Huldigung an die Kreativität zu trotzen. Ich habe ja stets die Hoffnung, dass es genau so gelingen kann, den einen oder anderen Geist zu befreien …

Nicht mehr wegzudenken ist Rudi in Hamburg allerdings auch als Macher und Ausstellungsmacher. Was zunächst 2014 als Online-shop, der Urbanshit Gallery, begann, fand seine geradezu folgerichtige Fortsetzung in diversen Popup-Ausstellungen.

Seit letztem Jahr zeichnet Rudi außerdem als Vereinsvorsitzender des Urban Art Institute verantwortlich, das sich zur Aufgabe gemacht hat, unter dem Motto Walls can dance die Kunstwelt in großformatigen Murals in Harburgs Binnenhafen und Innenstadt zu bringen. Das erste von insgesamt zehn geplanten Wandgemälden wurde vor ziemlich genau einer Woche vom Künstlerduo Low Bros fertiggestellt und ist am TU-Gebäude in der Harburger Schloßstraße zu besichtigen.

Wie schon im vergangenen Jahr, betreut Rudi auch in diesem Sommer die Kunst auf dem Musikfestival MS Dockville als Kurator. Dem diesjährigen Thema von MS Artville „Oasen“ hat Rudi aber zunächst einmal eine eigene Oase vorangestellt.

Denn ab heute ist die Kunst der Urbanshit Gallery nicht nur online und gelegentlich an kurz aufgezogenen Orten zu haben, urbanshit hat ab sofort eine kleine, feine Galerie, den Small Space in der Breiten Str. 56 in Altona. Zur Eröffnung wartet die Galerie mit einer Einzelausstellung von Plotbot Ken aus Berlin auf.

Small Space, die Urbanshit Galerie in der Breiten Straße 56

Plotbot Ken: Vergangenheit als Zukunft

Plotbot Ken legt ein dystopisches Werk vor, in mehrfachem Sinne. Da sind zum einen seine Bildwelten, die man durchwegs als bedrohte Arten überschreiben kann, gleichgültig ob er Menschen oder Tiere darstellt. Während sich in den auf den ersten Blick rein naturalistischen Tierbildern die Szenearien der Bedrohung vielleicht nicht auf den ersten Blick erschließen, werden sie spätestens in den Titeln deutlich. Menschen malt Plotbot Ken häufig mit Atemschutz, Gasmaske oder in Schutzanzug. Verzichtet der Künstler auf diese Insignien der Selbstzerstörung, sind die Köpfe in den Darstellungen häufig zu Schädeln verwest, die einen noch im Tod stoisch aus dem Hemdkragen betrachten oder Haltung bewahrend aus der Uniform anstarren.

Plotbot Ken: „…“ (Ausschnitt)
Plotbot Ken: „A lie told often enough becomes the truth“

Plotbot Ken: „Lead, follow or get the hell out of the way“
Plotbot Ken: „Only you can prevent a forest“
Plotbot Ken: „Mèmoires“
Plotbot Ken: „Airmail“

Zum anderen sind da die Materialien, auf denen Plotbot Ken arbeitet. Munitionskisten, Schubladen, Blechkisten, Benzinkanister, Schilder, Buchdeckel, Briefumschäge, Konstruktionszeichnungen und Fundstücke aller Art aus Schrott oder Altholz. Allesamt Dinge und Gegenstände, die ihre Funktion hinter sich gelassen und auf denen die Zeiten deutliche Spuren hinterlassen haben. Obwohl diese Materialien lediglich aus vergangenen bis vergessenen Zeiten stammen, wirken sie für sich genommen bereits wie eine Mahnung an eine Zukunft, an der die Menschheit allen Auswüchsen und Katastrophen zum Trotz nicht müde wird, sie sich selbst zu bescheren.

Plotbot Ken: „Nuclear Winter“

Und dystopisch sind die Orte, an denen Plotbot Ken sein Arbeitsmaterial findet. Aufgegeben Fabriken, Industriebrachen, Ruinen, verlassene Orte. Lost places dienen dem Künstler aber nicht allein als Fundgrube für sein Arbeitsmaterial, Plotbot Ken lässt sich gleichsam von den verwahrlosten Orten inspirieren und tritt mit seinen Werken in einen Dialog mit der Umgebung: Der Künstler nutzt nämlich nicht allein die Materialien, die er dort vorfindet, er malt auf genau diesem Material direkt vor Ort.

Plotbot Ken legt letzte Hand an die Präsentation von: „Endangared“

 

Urbanshit
Urban Art Institute / Walls can dance
Low Bros

 

Small Space
Plotbot Ken : Product of Environment
Breite Straße 56 | HH-Altona
(S-Bahn Königstr. oder Reeperbahn)
Vernissage: 08.04.2017 | 19:00 Uhr
(bis 05.05.2017)

Allgemeine Öffnungszeiten:
Di | Mi 14:00 - 18:00 Uhr 
Sa 14:00 - 17:00

Plotbot KEN:
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Art Attack auf inside Ottensen

Auf inside-ottensen wurde ein schöner Beitrag zur Art Attack in der Bergiusstraße veröffentlicht:

snapshot inside-Ottensen.de
snapshot inside-ottensen.de

„Eine recht ungewöhnliche, drastische und provozierende Streetart-Aktion hat im September der Hamburger Künstler Iven Einszehn durchgeführt. Er begann das Haus in der Bergiusstraße 12 in einer „Qualitätsoffensive“ mit Kunst zu bereichern. Bei der mehrtägigen Aktion wurde er jedoch gestört, weshalb er die Aktion vorzeitig abbrach. Augenscheinlich geriet er in das Zentrum straßeninterner Machtspielchen, auf die er wenig Lust hatte…“

–> zum Artikel

 

Art Attack Altona I
Art Attack Altona III
Art Attack Altona IV

 

All You Can Interview°

snapshot postmondaen.de
snapshot postmondaen.net

Daniel Ableev:

Als diplomierter Tausendsassa verfolgst du eine klare „Was muss, das muss, und müssen muss alles“-Linie – gibt es Kunst, die du nicht machen würdest? Welche zu machende Kunst steht hingegen noch aus?

Iven Einszehn:

Typische Frauenkunst werde ich auf keinen Fall machen! Man erkennt typische Frauenkunst am Unfertigen, schlecht Durchdachten, frei von Kontext, so ungefähres Zeug, dafür irgendwas mit Gefühl, worauf ganz viel abgelabert wird, in den Floskeln Ja, stimmt / find ich auch / hier rechts, auch schön, denn in dieser Kunst stimmt immer alles, weil sie sich einer Kunstbetrachtung entzieht, indem sie sich in Kunsttratsch wälzt.
Typische Frauenkunst würde ich gerne mal machen. Mich befreien vom Vollständigkeitsdrang, den Übertreibungen, der inhaltlichen Pedanterie, mich erfreuen am Unfertigen, Zufriedensein mit geistig angerissenen Inhalten, die komplizierten Kontexte, die einen wochenlang martern, einfach mal weglassen, mich auf das konzentrieren, weshalb ich in Therapie bin: Gefühle. Dazu ganz viel Blasentee. Vielleicht entwickel ich mich sogar weiter und filze meine Ängste.

hier gehts weiter

 

Daniel Ableev:
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Notizbuch für Hanne Darboven

Cover-vorne

 

Hier wird jeder zum Künstler:


Über das Buch:
„Das Buch ist eine Hommage an Hanne Darboven (*1941, †2009).
Darboven gab sich über Jahrzehnte für täglich acht Stunden ihrer Schreibzeit hin: Sie füllte bergeweise Papier mit Zahlen, Zeichen, Streichungen, Krakeln und Kürzeln. In ihrer Konzeptkunst hat Hanne Darboven ein kryptisches Werk vorgelegt, das seinesgleichen sucht.
Dem vordergründig Kryptischen liegt in Wahrheit eine fast wissenschaftliche Akribie zugrunde. Darboven hat in ihren Schreibzeichnungen in vorbestimmten Strukturen und festgelegten Regeln die Welt vereinfacht. Genau darin, im vermeintlich Exakten, hat sie der Welt nichts Konkretes hinzugefugt, sondern eine abstrakte Wirklichkeit. Seit den 80er Jahren übertrug Hanne Darboven ihre Zahlensysteme auch in Notenfolgen und Arrangements für ganze Orchester, so dass ihre Sicht der Welt hörbar wurde.
Als Autor und Künstler trägt Iven Einszehn ständig ein Notizbuch bei sich. Seit Jahren streicht er seine Eintragungen konsequent aus, sobald sie abgearbeitet sind, um nichts davon zu hinterlassen. Eigentlich würde es reichen, ein Notizbuch – voll geschrieben, wie es ist – am Ende zu vernichten, damit nichts bleibt.
Im Umstand, etwas zu notieren, um es zur Vollendung auszustreichen, liegt ein künstlerisches Konzept, das dem von Hanne Darboven nicht unähnlich ist, auch wenn Einszehn hierfür nicht erst Gesetzmäßigkeiten erfindet. Denn auch in seinen Streichungen zeigt sich eine Vereinfachung: Sie reduzieren die Notizen auf formale Flächen. Diese Flächen sind individuell, gleichzeitig aber vollkommen austauschbar. Damit schaffen diese Flächen eine neue Wirklichkeit, auch wenn diese neue Wirklichkeit dem Betrachter über ihren Ursprung nichts verrät.
Die eigentliche Notiz ist selbst unter Schichten von Streichungen vorhanden. Sie wirkt wie ausgelöscht, ist es aber niemals. Die reine Information des Gedankens bleibt erhalten, selbst in der Asche eines verbrannten Buches. Vielleicht verfügen wir eines Tages über die Technik, diese reine Information zu extrahieren …
Um das Konzept solcher Kunst nachzuvollziehen, hat Iven Einszehn seinem Künstlerbuch eine Handvoll Leerseiten mitgegeben. Für eigene Notizen und eigene sorgfältige Streichungen. Hier wird jeder zum Künstler.
Hat man erst ausprobiert, etwas so oft zu überkritzeln, bis nichts mehr lesbar ist, denkt man vielleicht: Was soll ich mir die elendige Arbeit machen? Mit einem Filzstift zum Streichen ist die Sache flott getan. Das ist wohl wahr.
Einszehn empfiehlt aber die Umständlichkeit eines feinen Stiftes. Denn Mühseligkeit befreit den Geist. Während der Streichungen hat man Zeit nachzudenken. Über alles Mögliche. Vielleicht über die Kunst oder sogar über Hanne Darboven.
Tipp vom Künstler: „Mach deine Streichungen unter den Augen anderer Leute, in der Straßenbahn oder einem Café. Der Argwohn, der dir in die Augenwinkel dringt, sollte dir zu denken geben. Er sagt viel aus über die Welt, in der Du lebst.“
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Iven Einszehn "Notizbuch für Hanne Darboven"
Taschenbuch / 150 Seiten /11,5 x 15,5 cm
CreateSpace Indepedent / ISBN: 978-1512348613
€ 6,00
erhältlich nur bei  Amazon
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Lack im Kopf / The Stupid Alex

Lack im Kopf

The Stupid Alex

 

Die Bildwelten von The Stupid Alex, wie Alexander Schäder sich nennt, sind unverkennbar mit der Streetart verknüpft. Alex bedient sich nicht bloß Techniken des Graffiti, seine Kunst kommt genau dort her: Alex hat immer ne Dose Lack im Kopf. Auch wenn er im stillen Kämmerlein auf Leinwand, Papier oder Holz arbeitet, wenn er druckt, Shirts macht oder ins Skizzenbuch kritzelt.
Hockt er zu Hause und braucht mal frische Luft , drückt er auf den Sprühkopf einer Dose, um das Aroma des Glücks in die Umgebung zu entlassen – da bin ich mir ganz sicher.
Für Alex könnte man glatt den Slogan „Can for can – you can“* kreieren.
Apropos Lack im Kopf. Köpfe haben es Alex ohnehin angetan. Immer wieder tauchen bei ihm auf Köpfe reduzierte Menschen und Gestalten auf, mit hohem Wiedererkennungswert. Fast immer Frontalansichten von Gesichtern in Linien, Muster, vordergründig dekorative Elemente und scheinbare Flächen zerlegt. Mir erscheinen sie wie „Gesichtszerfetzungen“, die innere Zerrissenheiten offenbaren, ohne Details zu verraten. Sie sind damit deutungsfrei im besten Sinne, sie belästigen nämlich nicht mit einer Botschaft, die man bitteschön verstehen sollte. Zu verstehen sind diese Bildnisse vielmehr auf einer intuitiven, emotionalen Ebene. Wer hierfür eine Anleitung braucht, dem ist nicht zu helfen, und mit Kunst schon gar nicht. Der bleibt ein Gefangener des Konkreten und führt damit ein bedauerlich unpoetisches Dasein.
TheStupidAlex-web
„Würfelkopp“, Siebdruck von The Stupid Alex
Vom Kopf zum Totenkopf ist es nur ein kleiner Schritt. Totenköpfe sind seit Jahren beliebt – als Symbol, als Sujet, als Marke. Ob Bands, Fußballverein, Mode, Gebrauchsgegenstände, Körperschmuck oder Kunst, die Dinger schädeln durch alle Bereiche des Alltags, oft so schlecht gemacht, dass sie einem nur noch Kopfschmerzen bereiten. Totenschädel sind längst auch unverzichtbare Bestandteile des künstlerischen undergrounds, man findet sie an Hauswänden, auf Stickern und allerorten. Keine Überraschung erst mal, dass auch Alex sie malt.
Umso verblüffender eine kleine Zeichnung in einem seiner Skizzenbücher: Ein über Eck entworfenes Ding, eine quadratische Variante, ein Würfelkopp. Ich war sofort begeistert und hab Alex vorgeschlagen, das zu seinem Markenzeichen zu machen. Es ist nämlich so: Der Inflation von Totenköpfen etwas Neues hinzuzufügen, gelingt kaum noch. Mit dem Würfelkopp, oder wie auch immer man das Ding bezeichnen mag, hat Alex der Schwämme an Skullys eine kleine, richtig oberfeine Idee hinzugefügt.
Man liest und hört immer wieder von sogenannter „neidloser Anerkennung“. Das ist eine ganz und gar sinnlose Worthülse, weil sie sich das eigentliche Bekenntnis, das zum Ausdruck kommen soll, gar nicht traut. Ehrlicher Neid ist nur im ehrlichen Bekenntnis von Wert: Die Idee mit dem eckigen Schädel hätte ich gern gehabt. Darauf bin ich voll neidisch. Und zwar jeden Tag.

(* Zum Verständnis für Szenefremde: Ne Dose Lack ist ne Kanne.)

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aktuelle Ausstellung
"Human Disorder"
Salon Klotz
Holländische Straße 73 / Kassel
Freitags und Samstags ab 18 Uhr
bis 28.05.2015
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The Stupid Alex
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