Kulturtipp für G20-Flüchtlinge: KUNST_AN_BAU

Angeblich wollen fast ein Drittel der Hamburger zu G20 aus Hamburg flüchten. Gerade G20-Flüchtlinge, bzw. die Fluchtwilligen sollten aber genau deshalb in Hamburg bleiben. Denn gerade sie spüren doch in der eigenen Haut, was das für ein beknackter Politzirkus ist, der hier mitten im Herzen der Stadt verunstaltet (!) wird. Gerade die Fluchtwilligen haben also allen Grund, sich aufzuregen, sich querzustellen, ihren Unmut auf die Straßen zu tragen und der Welt zu zeigen, was faul ist im Polizeistaat Hamburg.
Zur Förderung der Proteste auf Hamburgs Bannmeilen fordere ich deshalb alle Nachbargemeinden Hamburgs und alle sonstigen Außerhamburgischen Ländereien dazu auf, sämtliche G20-Flüchtlinge aus Hamburg unverzüglich in ihr Heimatland abzuschieben respektive die Aufnahme politischer Flüchtlinge aus Hamburg zu verweigern. Die körperliche Gewalt, die Asylsuchenden in Hamburg droht, ist kein Asylgrund; sie wird aus Hamburger Gewohnheitsrecht vonseiten der Polizei ausgeübt und praktisch nie von Richtern auf rechtsstaatlicher Ebene gewürdigt – falls die überhaupt mal in Laune sind, sich mit so was zu beschäftigen. Im Prinzip ist sie also vollkommen bedeutungslos und wird in diesem Sinne von der Boulevardpresse auch mit der Gegengewalt, die ihnen doppelt und dreifach wiegt, aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt.
Es ist unverkennbar, dass ich so ziemlich gar kein Verständnis für diejenigen aufbringe, die jetzt weglaufen, denn sie verraten die Kritiker und Gegner des Gipfels, die undemokratischen Zustände in der Stadt, die vielfältigen Rechts- und Verfassungsverstöße der Verfolgungsbehörden, den Generalverdacht gegen jeden und alles und den offiziellen Empfang von gleich drei Diktatoren im in der jüngeren Geschichte doppelt diktaturbelasteten Deutschland auf ganz perfide Weise.
Zur Pflege und Förderung meiner ganz persönlichen Toleranzgrenzen warte ich deshalb mit einem Kulturtipp auf – zumindest für all jene G20-Flüchtlinge, denen es gelingen wird, sich bis nach Pinneberg durchzuschlagen. Pinneberg ist eine geradezu G20-aseptische Dorfgemeinschaft, mir jedenfalls ist am vergangenen Wochenende auf meinem Spaziergang durch die Stadt nicht ein einziger Aufruf aufgefallen, der kritische Geister wecken und nach Hamburg locken sollte. Aber ich will den Mund mal nicht zu voll nehmen, vielleicht gibt es doch ein Plakat.
In Pinneberg betreibt MIOQ (dahinter verbirgt sich keine japanische Spanschachtelmanufaktur, sondern Marion Inge Otto-Quoos) die Kunstremise. Ein altes Gemäuer mit großzügigem Garten samt altem Pavillon und fast konstruktivistischem Baumhaus mitten in der Innenstadt. Zu Fuß in höchstens drei Minuten von überall aus zu erreichen. Dort arbeitet MIOQ an eigener Kunst und veranstaltet Projekte, für die sie Tür und Tor ihrer Kunstremise öffnet, die sie deshalb konsequent auch als Kunstpension bezeichnet bzw. führt und zur Verfügung stellt.

Seit letztem Wochenende hat sich in der Kunstremise, in der Kunstpension, in Haus und Garten der KUNST_AN_BAU breitgemacht, eine wunderbare kleine Schau mit zumeist minimalistischen auf die Gegebenheiten zugeschnittenen Werken. Für mich war der Zufallsfund des Kunst_AN_BAUs am letzten Samstag eine herausragende Entschädigung nach dem Besuch der Eröffnung der Regionalschau, bei der aufgrund der ungefähr fünfhundert Besucher mein Durchschnittsalter übrigens um mindestens 30 Jahre nach oben geschnellt ist.*

 

 

Karin Hilbers: „Postfaktisch – der Glanz ist ab“. Die Künstlerin präsentiert und erläutert den chemischen Vorgang, der den zunächst glanzpolierten Begriff Wahrheit in Rot- und Brauntönen vergehen lässt (bzw. aufgehen, wenn man so möchte) …

Nico Wolf: ohne Titel. Die Videoinstallation, die eine halbe Stunde lang einen sich auftürmenden Maulwürfshügel zeigt, geht der Frage nach, ob man einen Maulwurshügel als Skulptur betrachten kann. Nico Wolf konterkariert damit die allgemeine Ansicht von Gartenbesitzern, Maulwürfe wären so etwas wie Ungeziefer, weil sie die Ordnung stören. Die Projektion des Films auf den unebenen Feldsteinboden verleiht der Installation eine zusätzlich irreale Note.

 

Arne Lösekann: ohne Titel: „Das Baufeld ist eng gesteckt, Abstandsflächen (sind) nicht einzuhalten und Baulasten zu vermeiden. 1 qm vermaßter Raum ist ein Anfang, aber schon geht der Streit los. Wo soll weiter gemessen werden und in welchen Dimensionen? Ein Objekt setzt sich mit der Ungewissheit des rechten Winkels auseinander und fragt sich, ob wir am Ende nicht doch mit 2 Dimensionen auskommen.“ Ich hatte spontan ganz andere Gedanken, als ich diesem beinahe monumental abgezirkelten Quadratmeter begegnete: Ich dachte auch sofort an Streit, allerdings eher an Grenzstreitigkeiten, an kleinbürgerlichen Quatsch um ein paar Grundstückszentimeter, Nachbarn, die sich in die Haare kriegen und verachten, als hätte es die Jahrzehnte, die sie von einem kleinen Irrtum in der Vermessung oder Nutzung nicht wussten, nie gegeben …

 

Feine Menschen: „Kunstsamen“. Die Feinen Menschen fordern dazu auf, die Kunstsamen in die weite Welt hinaus zu tragen. Aus dem KunstkurOrt Pinneberg. Das nenn ich mal herrlich selbstbewusst und witzig. Die Kunstsamen bestehen übrigens aus Konfetti, und in einem einzelnen Konfetti kann man durchaus ein minimalistisches Kunstwerk sehen. Also: Schüttet mal Pinneberger Kunstsamen in Nachbars Garten, ihr werdet überrascht sein, wie blitzartig diese Saat aufgeht!

 

Für die teilnehmenden Künstler wurden im Garten Ausstellungsflächen abgesteckt. Dies ist die Fläche von Kirstin Petersen für ihr Werk „Spontan“. Ihre knappe Einlassung dazu lautet: „Wie es die Zeit erlaubt.“ Es steht nun völlig im Raum, ob Petersen keine Zeit hatte, spontan einen Beitrag zu leisten. Oder ob es die Ironie der Sache ist, dass sie eine ungenutze Fläche eben durch Nichtnutzung nutzt! (Hoffentlich kommt sie nicht auf Idee, doch noch einen Beitrag auf die Wiese zu stellen, denn das würde die geistreiche Installation aus Nichts – unabhängig davon, ob das überhaupt ihre Absicht war – zunichte machen).

 

Das Baumhaus im Garten der Kunstremise ist nicht Teil des KUNST_AN_BAUs. Man sollte trotzdem nicht achtlos daran vorbei gehen, denn es birgt eine feine Überraschung für Kunstfreunde …

 

Gagal: „Zu schön, um wahr zu sein: Taraxacum in neuem Kleid. Gagel staunt“ Der bunt bemalte und mit Glitter bestreute Löwenzahn, der sich im Eingangsbereich ausbreitet, lässt sich irgendwo zwischen Kitsch und streetart verorten. Mir gefällt an der Installation, dass durch diesen Eingriff die Sicht auf etwas so Unbedeutendes wie Löwenzahn, den die meisten Menschen für Unkraut halten und bei der Gelegenheit persönlichen Landbesitzes überall (insbesondere in direkter Nähe des Wohnhauses) ausreißen, völlig verändert wird.

Teilnehmende Künstler (und Autoren):

  • Karin Hilbers
  • Inken N. Woldsen
  • Brigitta Höppner
  • Hannah Rau
  • Birgit Bornemann
  • Anke Bromberg
  • Thomas Piesbergen
  • Arne Lösekann
  • Stilla Seis
  • Gagel
  • Niko Wolf
  • Adriana Steckhan
  • MIOQ
  • Kirsten Petersen
  • Karl Boyke
  • Feinen Menschen
  • Florian Huber
  • Rosa Tress

 

 

KUNST_AN_BAU
Atelier Kunstremise MIOQ | Fahltskamp 30 | 25421 Pinneberg
Sa 08.07. | So 09.07.
14:00 — 18:00 Uhr

 

MIOQ
Feine Menschen

 

*Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich habe nichts gegen alte Leute, die Kunst besuchen. Das ist allemal besser, als einäugig in der ersten Reihe vorm Fernseher zu hocken und sich von Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen vollschleimen zu lassen. Wenn ich allerdings mehr alten Menschen begegne als auf dem Sommerfest in der Seniorenresidenz bei Heinz, dann fällt mir das Dilemma ein, dass ich nicht einen einzigen 90jährigen kenne, der sich auf die letzten Tage noch n Bild (im besten Fall sogar: junge Kunst) für ein paar tausend Euro neben den Notrufknopf nagelt. Die halten ihr Erspartes zusammen, damit es fürs Alter reicht, zum Vererben also. Dabei muss man Kunst gar nicht kaufen, um den persönlichen Besitz zu mehren, man kann sie auch verschenken und notfalls sogar direkten Verwandten einen Gefallen tun, die sich das nicht leisten können oder zu geizig sind …
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Die Stadt, Dein Müll & Ich

Alle Welt regt sich darüber auf, dass und wenn sich der Müll in hässlichen Ecken auftürmt. Die Boulevardpresse nimmt sich solcher Angelegenheiten gerne an, ist halt nicht so anstrengend, sich über sowas den Kopf zu zerbrechen. Nennenswerte Berichte zu Politik, Rassismus, Ausbeutung, Flucht und Vertreibung, gar den Mangel an Humanismus sind deren Zeitungslesern kaum zuzumuten, schon gar nicht auf einer differenzierten, klugen, gar kritischen Ebene, die das Bewußtsein schärfen und damit eine Bewußtseinsschärfung fördern würde.
Die Mopo betreibt seit einiger Zeit unter dem Aufruf „Stoppt die Müllferkel“ eine interaktive Denunziationskampagne. Da kann der brave Bürger Hamburgs Schmuddelecken fotografieren und auf der Karte eintragen. Denn wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann hier, am Fehlverhalten der Bevölkerung. Das sieht jeder ein, und keiner findet das gut, was da los ist in der Stadt, da besteht Handlungsbedarf und zwar unverzüglich.
Snapshot_Denunziation-Mopo-de
Beispielhafte Denunziation einer Schmuddelecke auf mopo.de
Kleiner Tipp: Wer sich die Kosten für die Sperrmüllabholung sparen möchte, klumpt seinen Kram hinters Haus, macht n Foto, läd das hoch und mit ein wenig Glück sorgt die Saubermopo dafür, dass da mal so richtig aufgeräumt wird. Keine Sorge, liebe Müllabfuhr, euer Geschäftsmodell ist nicht in Gefahr, niemals würde die niedere Presse der naheliegenden Idee verfallen, die Sperrmüllabholung sollte kostenlos sein, doch nicht um Lösungsansätze für Probleme auf einfachster Ebene zu entwickeln.
Und noch ein Tipp: Lässt sich die Kampagne nicht erweitern? Ich kenne so viele Leute, die die Treppe nicht regelmäßig putzen. Mich selbst z.B. Letzen Herbst hab ich das mal gemacht, das ist so schön geworden, da zehre ich heute noch von. Foto hochladen, Adresse bekanntgeben.
Wie man schon hier sieht, sehe ich die Sache natürlich ganz anders – das war ja wieder mal klar. Ich bin ja sowas von anti-gegen-un-dafür, im Mittelalter hätten sie mich sofort verbrannt, weil ich dauernd komische Vorstellungen habe.
Es ist nämlich so: Vermüllte Orte sind mir nicht nur Materialquellen, sondern auch Orte der Inspiration. Bei meinen regelmäßigen Erntetouren in und auf pleite gegangenen Bauvorhaben, in Industriegebieten und auf Ödflächen, die hier und da mitten in der Stadt rumlungern wie aus einem Paralleluniversum teleportiert und ganz besonders in den letzten Ecken im Hafen, befinde ich mich stets im Schlaraffenland. Es ist sensationell, was die Leute so alles in die Elbe schmeißen, herrliches Arbeitsmaterial, das sich von den Gezeiten in den Uberbefestigungen verfängt und nur auf mich wartet und von den Zeiten, die es auf mich wartet eine einzigartige Oberflächenmorphologie entwickelt hat.
Ich bin deswegen total dafür, dass die Idiotie niemals ausstirbt. Bleibt alle totale Vollpfosten und schmeißt euren Krempel in die Gegend. Wenn irgendwo was liegt, tut was dazu. Ihr habt ja nicht angefangen damit und seid höchstens halb Schuld. Bleibt so asozial, die paar Meter zur Mülltonne nicht mehr zu finden, nur weil vorm Haus ein Baugerüst steht.
Asozial ist es übrigens auch, wie häufig ich mich mit der Polizei plagen darf, weil ich es wage, im Müll zu wühlen! Dabei ist es mit mir ganz einfach: Wenn ich eine Ödfläche betrete, und das tue ich selbstverständlich auch angenagelten, voll vernagelten Verboten zum Trotz, ist es dort anschließend immer etwas sauberer. Fündig werde ich immer, und wenn es nur ein rostiger Nagel ist.

Zum Schluss mein Dank direkt an dich:

Als Hamburger Oberexperte was letzte Ecken angeht, hab ich neulich in der Hafencity deinen ziemlich verwitterten Haufen alter Zwischenwände entdeckt und einen Großteil der verwertbaren Pappfüllungen geborgen. Ich danke dir für das tolle Zeug. Ich hab schon was draus gemacht – und einige der Werke letztes Wochenende zurück an ihren Geburtsort getragen, um sie dort zu fotografieren:

Mail_Sitzend-001
Iven Einszehn: Hafencitiyviecher 1
Mail_Stehend-005
Iven Einszehn: Hafencityviecher 2
Mail_Stehend-und-Sitzend-001
Iven Einszehn: Hafencityviecher 1 + 2
Mail_Wachhund-Wurm-004
Iven Einszehn: Hafencityviecher 3,
in Wahrheit: „Wachhund“
(in Privatbesitz)