i-Kunst

Ich hatte mich schon gewundert, dass nicht sofort jemand fragt, was i-Kunst (in Palma FineArt) überhaupt ist. Aber jetzt war mal jemand so tapfer, so dass ich eine kurze Erläuterung nachschiebe:

Was Marcel Duchamp seine Readymades, war Kurt Schwitters seine i-Kunst. Obwohl beides voreilig in einem Atemzug genannt wird, gilt es zu unterscheiden: Während Duchamp Alltagsgegenstände, wie beispielsweise ein Urinal, zum Kunstwerk erklärte, erkannte Schwitters in manchem Schnippsel das vollendete Werk, dem nichts hinzuzufügen war. Zur Erkenntnis reichte ihm die künstlerische Vollkommenheit eines einfachen Buchstabens: i. Er erklärte das i zum Gedicht, zum i-Gedicht. Daraus leitete Schwitters seine i-Theorie und die i-Kunst ab.

Das i als erste i-Kunst war als Kunstwerk demnach „noch“ ein Readymade – und ist es gleichzeitig dennoch nicht.

i-Kunst funktioniert nämlich ähnlich wie Readymade, ist aber keineswegs launig und beliebig.

i-Kunst erklärt nichts zur Kunst, i-Kunst findet sie.

i-Kunst fordert den selektiven Blick und erkennt dort die Kunst, wo sie ohne gestaltendes Zutun des Künstlers (durch Zufall) zutage tritt.

Die i-Kunst ist das Stiefkind der modernen Kunst, sie ist das Stiefkind der Kunstgeschichte überhaupt. Die wenigen Beispiele seines Schöpfers Kurt Schwitters höchstpersönlich werden von seinen höchsten Kennern in dicken Büchern kaum gewürdigt, als recht nebensächlich betrachtet oder flux übergangen.

Dabei ist die Welt voll von i-Kunst, es ist die am weitesten verbreitete Kunstrichtung überhaupt, sie macht keine Unterschiede zwischen Völkern und Haltungen, macht vor Grenzen und Gesellschaften nicht halt. Möglicherweise aber liegt genau hier das Problem: Kein Künstler ist Schwitters gefolgt, um sich als Protagonist der i-Kunst hervorzutun. Entweder, weil diese Kunst untrennbar mit Schwitters verbunden ist, ein fester Bestandteil seines erfindungsreichen Schaffens und somit nicht frei. Oder aber, und das nehme ich eher an, weil die vollendende Handlung im Zufall ruht, dass ein Künstler etwas merkt. Das allein wäre ein Anspruch, dem sich mancher Künstler lieber nicht ausliefern möchte – wäre es nicht außerdem noch so, dass die i-Kunst es jedem ermöglicht, irgendwo irgendwas zu merken und allein durch aufmerksame Deutung zum Künstler zu werden. Derartige Kokurrenz anzuerkennen, fällt natürlich schwer!

Ich habe kein Problem, mich zur i-Kunst zu bekennen.

Dafür ist sie mir genial genug.

 

Palma FineArt

In Palma de Mallorca fotografieren die Touristen jede olle Mühle. Zum Beweis, nehme ich an, denn so eine Touristenmühle wie Palma, das ist eine Sache, von der man Zuhause unbedingt erzählt. Marlene Dietrich hat mal gesagt, sie wäre totfotografiert worden. Mancher  Mühle ists wohl ähnlich ergangen, denn unweit der Altstadt stehen nur noch kaputte Dinger rum. Du wirst einwenden, an die Autobahn oder in die Nähe des Industriegebiets verirre sich kein Tourist, und deshalb macht sich niemand die Mühe, die Mühlen dort zu pflegen. Ich aber wende ein: Eine Mühle ist eine Mühle und soll nicht an der Quantität gaffender Leute bemessen werden. Wenn mallorquinische Mühlen so toll sind, dann ist keine besser als wie die andere. Ich bin für gleichberechtigtes, nicht ausgrenzendes Mühlenwesen. Ich fordere den Verfall der Altstadtmühlen.

Die Urlaubsfotografie ist ein soziologisch unerforschtes Feld. Dabei werden heutzutage Bücher geschrieben über alles, es gibt sogar eins über Damenbart. Beim Touristen ist an der Mühle jedenfalls noch lange nicht Schluss, nach der zwölfundzwanzigvierzigsten fängts erst so richtig an: Kirchen und Plätze werden geknipst, Gassen und Balkone, Statuen und Musikanten. Und natürlich Brunnen, Brunnen – als gäbs zuhaus kein fließend Wasser. Danach gehts ins Museum oder ein anderes Gebäude, wo es Eintritt kostet.

Das größte Museum der Stadt allerdings bleibt weitestgehend unbeachtet. Es wird nicht im Reiseführer erwähnt, es kostet nicht mal Eintritt, ist aber mit Inkraftreten der „Ordenanza Civica“ zum diesjährigen Saisonbeginn seit dem 12. Mai akut bedroht. Die „OrdenCiviDingsda“ ist die Verordnung für gutes Benehmen. Neben verschiedensten Einschränkungen (Putzkübel auf die Straße kippen), Verboten (in Ecken pissen, in Badehose im Restaurant sitzen) und strafbewährten Vorschriften (öffentliche Saufgelage und Gröhlen, renitent Nutten vollquatschen), sind – und da wundert sich der wache Geist – Graffiti streng verboten. Hm, als wär das nicht längst, irgendwie immer und wohl überall so, so ist es ab sofort aber ganz besonders besonders verboten, und wer erwischt wird, macht sich doppeltschlimm.

Mit Graffiti ist das ja eine leidlich unverstandene Sache, Graffiti ist nämlich ein Indikator für die Unzufriedenheit der Bevölkerung, und die Bevölkerung in Palma ist extrem unzufrieden, weshalb die Stadt vollgekritzelt, lackiert, beklebt und bepinselt als ein herausragendes Freilichtmuseum moderner Kunst dasteht. Noch. Zum Glück war ich rechtzeitig dort, um alles zu dokumentieren. Zum Glück war ich rechtzeitig bis exakt zum 12. Mai, wenn die Sache extraunangenehm und oberteuer zu werden droht, vor Ort, um ein wenig mitzumischen … GUILTY!

 

Jawohl, ganz genau, gut erkannt: Selbstverständlich ist die Stadt (besonders sind die Kanäle) zugeballert mit mächtigen Schriftzügen, fett lackierten Tags und Buchstabenkombis. Zum inhaltlichen Verständnis reichen dafür weder unsere Spanischkenntnisse noch unsere Einblicke in die Szene. Stattdessen beglücke ich mit schönen Beipielen von und für

i-Kunst:

Zum guten Schluss:

Die Meerseite eines Gebäudes, dem es an Farbe fehlt.

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Wenn es dich nach Palma verschlägt und du dich gefordert fühlst:

Ne Dose Lack ist in Palma gar nicht so leicht zu kriegen, ich verrate dir, wo du hingehen musst 🙂