Tipp: Kunstgucken MS Artville 2017

Jedes Jahr einen Besuch wert: Das Kunstgelände zum Dockville-Festival in Wilhelmsburg. Kommenden Sonntag (und zum Burgfest am darauf folgenden Samstag) lädt MS Artville zum letzten Mal in diesem Jahr zum kostenlosen Kunstgucken ein. Als Empfehlung, selbst durch die Botanik zu stapfen und die teilweise im Gestrüpp versteckten Werke zu entdecken:


Darko Caramello


 







 

 

MS Artville
Reiherstieg-Hauptdeich | HH-Wilhelmsburg
bis 12. August

 

Kunstgucken
Sonntag | 06. 08. | ab 14:00 | Eintritt frei

 

Burgfest
Samstag | 12.08. | ab 13:00 | Entritt frei
(mit Flohmarkt, Kunst-und Designmarkt, Plattenverkostung,
Workshops, Spielen für Kinder, openair etc.)
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Spiegeleier auf der Veddel

Spiegeleier sind in der Kunst ein eher vernachlässigtes Sujet. In Hamburg zumindest gibt es einen Vertreter, der sich dem Spiegelei verschrieben hat, zu finden am ehemaligen Zollamt an der Tunnelstraße in Veddel, unweit der Veddeler Fischgaststätte.
Die Veddeler Fischgaststätte gilt als Kult, ich rate aber dringend davon ab, die homepage anzugucken, um herauszufinden, wie man da hin kommt. Der Kartoffelsalat auf den abgebildeten Mahlzeiten (hübsch angerichtet mit einer Viertelzitrone!),  sieht aus wie Schleim oder Albinokotze. Würde auf der Speisekarte der Kartoffelsalat nicht erwähnt, man käme kaum drauf, was das für eine Pampe auf dem Teller sein könnte. Mit Bratkartoffeln müht man sich dort nicht ab, da landet alles in der Fritteuse, es gibt also höchstens Pommes als alternative Beilage.
Mir haben über die Jahre mindestens fünfzehn Leute, die niemals dort essen waren, versichert, wie großartig es da wäre, überhaupt wäre die Veddeler Fischgaststätte die letzte Kaffeeklappe Hamburgs, die bestimmt bald dichtmacht, weil seit Jahren in Hamburg ja alles den Bach runtergeht. Deshalb würde man dort seit Jahr und Tag regelmäßig  jeden Sonntag mindestens zwei Portionen Fisch verzehren. Und immer auch was für zuhause mitnehmen. Der Laden hat aber am Wochende gar nicht geöffnet. Auch abends nicht. Eigentlich nur zu Zeiten, die sich hauptsächlich Hartz-IV-Emfänger leisten können, von 11:00 – 17:45. Wer es ausprobieren möchte, Adresse siehe unten.

 

OZ an der Veddeler Fischgaststätte

Immerhin: Wer sich nicht die Mühe macht, Bratkartoffeln zu brutzeln, macht sich auch nicht die Arbeit, einen OZ überzupinseln.

Zurück zu den Spiegeleiern: Wenn man sich als Passant oder Radfahrer durch das Baustellenchaos an der Tunnelstraße begibt, ist man von Absperrungen, Holprigkeiten und Warnbarken so sehr labyrinthiert, dass man die Illegalerie, der man dort neuerdings begegnet, leicht übersieht.
Die Spiegeleier, die einem ins Auge fallen könnten, verkennt man leichtfertig als bloß hingerotzte Kleckse an der Wand ohne Sinn und Verstand. Hat man diese Kleckse aber einmal als Spiegeleier entlarvt, entdeckt man vielleicht, was das eigentlich für eine schöne Idee ist — einfach mal Spiegeleier zu malen. Die gehen flott und sind eigentlich ganz hübsch. Auf jeden Fall lecker.
Wenn man sich also Zeit nimmt für die Spiegeleier, man es also wagt, das Gelände, das man bestimmt nicht betreten „darf“, eingehend zu inspizieren, gibt es viel mehr zu sehen. Da wurden Tücher und Stofffetzen zwischen die Geländer gehängt und genäht, darunter auch Spiegeleier, Installationen wurden gespannt, eine Mauerecke ist plakatiert, ein kleiner Haufen Zeichnungen wurde an den Laderampen, in Fenstern und Türen aufgehängt.
 
Hier fehlt in der Streetart übrigens ein Begriff. Für Plakatierungen und für cutouts, die an Wände geklebt werden, wird pasteup verwendet. Aber für das bloße Aufhängen von Bildern gibt es kein Wort. Wie wäre es schlicht mit hangout?
Illegalerie
mit Spiegeleiern, Installationen, Zeichnungen
ehem. Zollamt | Tunnelstraße/Baustelle | Veddel
Veddeler Fischgaststätte
Tunnelstraße 70 | 20539 Hamburg-Veddel
Mo - Fr. 11:00 — 17:45
OZ
Oz ist nicht tot

MS Artville 2016

Mit der schlichten Aufforderung Kunstgucken lädt das Musik- und Kunstfestival MS Dockville zu kostenlosen Sonntagspaziergängen übers Gelände nach Wilhelmsburg. Während es musikalisch und bandmäßig erst ab 18. August ein Wochenende lang ordentlich zur Sache geht, ist die Kunst längst schon da. Für MS Artville arbeiten eine Handvoll Künstler im Vorfeld einige Wochen auf dem Gelände — oder sie hängen einfach ihre Bilder in die bereitgestellten Ausstellungskuben.

Ohne das Dekorationselement Kunst, allem voran allen Facetten der Streetart und Urbanart, des Upcyclings und trashiger Auswüchse im Kunstgebrauch wagen sich seit etlichen Jahren Musikfestivals europaweit nicht mehr aus den Startlöchern. Und so ist auch das Dockville-Gelände über die Jahre zu einem KunterKunstGefrickel aus Dauerinstallationen und skulpturalen Baracken geronnen.

Meistens werden die Künstler auf Musikfestivals missbraucht, indem ihre überbordende Kreativität unentgeltlich ausgenutzt wird: Während von keiner Band erwartet wird, kostenlos aufzutreten, „dürfen“ Künstler sich geschmeichelt fühlen, zur Präsentation ihrer Werke ausgewählt worden zu sein. Ausstellungshonorare werden jedenfalls nie gezahlt, trotz zahlender Gäste, die Eintritt abdrücken für ein Musik- und Kunst(!)festival. (Dass manchmal Aufwandsentschädigungen für Reise- und Materialkosten erstattet werden, ist nebensächlich, denn aktive Honorarleistungen werden in der Regel nicht erbracht.)

MS Dockville versteht es immerhin, die Kunst zu einem gleichrangigen Bestandteil des Gesamtereignisses zu erheben. So opulent wie in manchen vorherigen Jahren ist es diesmal allerdings nicht gelungen. Das gesetzte Thema „Eine real-utopische Geisterstadt“ wurde grandios verfehlt, trotz grandioser Kunst, die es hier und da zu entdecken gibt. Eine Geisterstadt gibt es jedenfalls nicht zu entdecken, dafür hier und da krampfhaft aufs Thema hingewixte Laberei; oder sogar gegenteilige Grundsatzbekenntnisse. Dafür zwei Beispiele, nämlich AIN und Plotbot Ken.

AIN

Der Galeriewürfel von AIN hat es mir echt angetan, denn die Künstlerin hat ihn in eine wahre Kunstexplosion verwandelt. Das utopische pseudo-philosophische Geschwafel auf der Erklärtafel ist in ihren Werken allerdings nicht zu entdecken, hier und da mal etwas Totenkopfartiges reinzumixen, genügt da nicht. Besonders tragisch wird es sogar, wenn ich von einem „interaktiven Dialog zwischen Künstlerin und Besucher“ lesen muss. Na, das is ja toll. Falls AIN sich das ernsthaft als Aufgabe und/oder Forderung gesetzt haben sollte, ist dem Mädchen leider entgangen, dass jede Betrachtung eines x-beliebigen Kunstwerkes grundsätzlich einen Dialog mit dem Betrachter darstellt. So geht Kunst nämlich. Meiner Begeisterung für ihre Arbeit tut dieser naive Quatsch aber keinen Abbruch. Ich bin ja selbst Schuld, dass ich immer alles lese und sogar drüber nachdenke. Als Illustratorin hat AIN einen perfekten Blick auf und für den Mix dekorativer und kompositorischer Elemente, die zwar keine Aussage transportieren, dafür aber eine geballte Ladung künstlerischer Kraft. Denn: Komposition ist alles!

Die einzelnen Bildelemente für sich genommen verlieren leider etwas von der Ausdruckskraft, die sich erst im Gesamteindruck ergibt …

… deshalb: Hingehen. Angucken!

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Plotbot Ken

Plotbot Ken hat einen seiner typischen Gasmaskenmänner als Mural auf Dockville verewigt. Maßgeblich kritisieren und prangern die Werke Plotbot Kens gar nicht an, deswegen malt er beständig Gasmasken, Totenköpfe, Raben, Ungeziefer. Die Werke üben sich in Bescheidenheit, sie sollen lediglich zum Nachdenken anregen und als gesellschaftlicher Spiegel fungieren. Aha. Nachdenken: ja, Kritik: nein. Gesellschaftlicher Spiegel — in Form einer Gasmaske? Wenn mir das etwas sagen soll, spiegeln geradezu, aber nichts kritisieren, dann habe ich mit meiner Birne ein schweres Problem. Wahrscheinlich denke ich wieder zuviel, immerhin heißt das Mural „5 Jahre Fukushima“.

Sei es drum: So sind explodierende Kernkraftwerke dann eben Aspekte der Menschheitsgeschichte, denen man einfach mal ganz unkritisch begegnet darf …

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Zum Schluss drei Lieblingshinweise:

Thomas Dambo aus Dänemark, bekannt für seine riesigen Holzskulpturen, war vor Ort und hat aus Altholz einen prächtigen Kopf um eine Birke gezimmert, welche der Skulptur wie Unkraut aus dem Schädel wuchert.

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Darko Caramellos Installation Transforming Mash ist ein echter Geniestreich. Die Installation (seit 2014 entwickelt) lungert wie ein achtlos entsorgter Haufen Müll in einem Gebüsch, bedrängt von einem viel zu dicht herangestellten Zelt, welches einem mit seinen Halteleinen den Weg zerstolpern möchte. Das inhaltsverweisende Schild schadet dem Werk hier fast schon, weil es die Dimension der Irritation, welche die Installation auszulösen vermag, doch extrem beschneidet. Ich würde mich mit dem Werk jedenfalls ohne Erklärbär, vollkommen allein gelassen mit ihm und mir, viel wohler fühlen …

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Und im Ausstellungskubus des Syrers Mehyar, der seit einem Jahr in Hamburg lebt, hat sich „Mona L.“ versteckt, eine gelungene Picasso-Variation:

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Kunstgucken, letzte (kostenlose) Gelegenheit:
MS Artville, Alte Schleuse 23
Burgfest (mit Kunst-Flohmarkt)
Sa, 13. August, 13-18 Uhr

MS Dockville