Antwort auf einen Drohbrief meines Nachbarn

Lieber Mark!

Du hast deine Hausaufgaben wieder einmal viel zu flüchtig erledigt.

Du lebst für deine Vorurteile und Aversionen, bist schnell mit Anschuldigungen und Denunziationen. Mit dem Handwerkszeug der Nazi-Didaktik kennst Du dich prinzipiell also ganz gut aus.

Drohbriefe kannst Du aber noch gar nicht. Da machst Du zu viele Fehler, in der Rechtschreibung und auch inhaltlich. Begriffe wie „Konsequenz“ und „Versprechen“ sind nicht besonders aussagekräftig. Da solltest Du in Zukunft etwas genauer im Ausdruck werden. (Erinnere dich: Bei deinem Lieblingsthema Scheiße ist dir das gelungen, da hast Du allen Hundebesitzern per Rattengiftschild unverhohlen damit gedroht, ihre Köter zu vergiften!)

Leider muss ich dir aber auch sagen, dass selbst eine gelungen formulierte Drohung ihren Zweck verfehlt, wenn man gar keine Freunde hat, hinter denen man sich feige verstecken kann. Ändere das unbedingt, indem Du beispielsweise einige Wochenenden in Jamel verbringst. Im gesamten Dorf wohnen, bis auf die Lohmeyers, ausschließlich Menschen, die exakt so klug sind wie Du und deshalb wahrscheinlich dieselben Probleme mit Orthografie und Interpunktion haben.

Deinen Eigentum“ befindet sich in deinen Wohnung und auf dein Mietparkplatz. Dies sind beides Orte, an denen ich mich nie aufhalte. Es ist also inhaltlich unsinnig, mir irgendeine Veränderung deinen Eigentums vorzuhalten respektive zu verbieten!

Immerhin ist deine Diffamierung meiner politischen Einstellung insofern von Interesse, als das vollkommene Gegenteil deiner Behauptung gilt: Für dein Nazidasein ‒ oder euphemistisch gesagt: für deine rechte Gesinnung ‒ interessieren sich ganz besonders viele Menschen!

Abschließend:

Der Drohbrief ist eine besonders anspruchsvolle Form des Hasses, das hast Du nicht ausreichend verinnerlicht.

Mit viel gutem Willen kann ich dir auf deinen Drohbrief die Note 4− geben.

Allgemein werden Drohbriefe allerdings erst ab Note 2+ ernst genommen.

Linksradikale Juden bestehen im Prinzip aber auf eine glatte 1, um etwas schlechter zu schlafen. Diesen Anspruch solltest Du nicht an dich stellen, bleib realistisch!

Alles in allem musst Du noch sehr viel üben.

Beste Grüße

Iven

Advertisements

Vom Bearbeiten der Bohlen

Morgen in der jungen Welt:

snapshot-junge-welt
snapshot-junge-welt

–> vgl.: Auferstanden aus Ruinen

Auferstanden aus Ruinen

Zurzeit herrscht in Mecklenburg-Vorpommern Wahlkampf, der Weg über die Dörfer beschert einem keinen entspannten Sonntagsausflug. NPD-Plakate prägen das Straßenbild, manches Örtchen ist derart dominant allein von der NPD zuplakatiert, man könnte meinen, die ersehnte Diktatur wäre dort längst eingeführt. In gewisser Weiser stimmt das sogar, denn manches Dorf hat als Nazidorf traurige Berühmtheit erlangt.

Während die Gemeinde Gägelow praktisch unbekannt ist, gilt der Ortsteil Jamel als das Nazidorf schlechthin, denn die Einwohner machen aus ihrer kruden Gesinnung keinen Hehl. Das Dorfbild ist geprägt von Bekenntnissen der besonderen Art, hier wird unverhohlen dem Nationalsozialismus gehuldigt. Eine völkische Wandmalerei verklärt Jamel zur „frei-sozial-nationalen Dorfgemeinschaft“, ein selbstgebasteltes Hinweisschild weist nach Braunau, den höchsten Punkt dieser „Dorfgemeinschaft“ markiert eine Reichsflagge.

In Jamel hängt nicht ein einziges NPD-Plakat. Hoffnung auf Sabotage besteht allerdings nicht. Auch andere Parteien haben es nicht nötig, in Jamel zu werben, weder für sich noch für antifaschistische Werte. Da stehen die einen wohl auf verlorenem Posten, während andere sich bequem auf der sicheren Seite wähnen.

Mittendrin behaupten sich seit 2004 die aus dem multikulturell geprägten Hamburg-St. Pauli stammenden Birgit und Horst Lohmeyer. Sie zählen nicht zur Dorfgemeinschaft Jamel und sind damit die einzig nennenswerte Gemeinschaft in Jamel schlechthin. Das Paar führt seit Jahr und Tag einen beständigen Kampf gegen die Neonazis in unmittelbarer Nachbarschaft, trotzt allen Anfeindungen und denkt nicht dran, den Ort zu verlassen oder sich der Nachbarschaft zu unterwerfen und den Verstand einzustellen. Die Lohmeyers ergreifen das Wort und suchen die Öffentlichkeit, für ihre Zivilcourage wurden sie unter anderem mit dem Paul-Spiegel-Preis und dem Georg-Leber-Preis geehrt. Seit 10 Jahren organisieren sie das Open-Air-Festival Jamel rockt den Förster und setzen damit und mit allen Teilnehmern, Besuchern und Gästen ein starkes Zeichen gegen Rechtsextremismus.

Vor einem Jahr brannte wahrscheinlich genau für dieses Engagement ihre Scheune. Zum Jahrestag der bis heute unaufgeklärten Brandstiftung wurde am 13.08. ein Mahnmal eingeweiht. Der Schweizer Künstler Harry Schaffer, eng befreundet mit den Lohmeyers, hat am Brandort eine Woche lang aus den verkohlten Eichenbohlen eine vier Meter hohe Pyramide aufgestapelt, die Pyromide, die trotzig ein Kreuz in den Himmel streckt, zum Zeichen des Zusammenhalts und der Widerauferstehung: Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt. Aus den Abschnitten, die beim Zurichten der Bohlen angefallen sind, hat Schaffer außerdem ein kleines Stelenfeld errichtet, welchem dem Ort eine zusätzliche Dimension verleiht. Denn die Stelen wirken wie eine der Pyromide gegenübergestellte Menschenmenge, die mahnend Wache hält.

01-Harry_Schaffer-Birgit_Horst_Lohmeyer-vor_Pyromide-jw
Harry Schaffer, Birgit & Horst Lohmeyer vor Pyromide
03-Pyromide_von_Harry_Schaffer-jw
Pyromide von Harry Schaffer
04-Pyromide_von_Harry_Schaffer-Detail-jw
Pyromide, Detail
05-Stelenfeld_von_Harry_Schaffer-2-jw
Stelenfeld von Harry Schaffer
06-Ueberrest_Grundmauer_Scheune-jw
Überrest: Grundmauer der abgebrannten Scheune

Zur Einweihung des Mahnmals hatten die Lohmeyers persönlich geladen, es haben sich gerade einmal knapp 25 Gäste eingefunden. Zwar waren meine Frau und ich nicht eingeladen, dennoch hatte ich unterstellt, im Vorfeld der Berichterstattung über den Bau der Pyromide würden auch andere dieses Ereignis wichtig nehmen und ungefragt anreisen. Denn ein Zeichen zu setzen, wie es die Lohmeyers tun, verdient Beachtung – da braucht man gar keine Einladung, ein solches Zeichen aufzunehmen und durch persönliche Anwesenheit zum eigenen Bekenntnis zu machen, was letztlich auch die Arbeit zweier einsamer Kämpfer stärkt …

… Immerhin folgt in 14 Tagen Jamel rockt den Förster, und dieses Festival-Wochenende bestärkt die Lohmeyers jedes Jahr.

 

Open-Air-Festival Jamel rockt den Förster
26./27. August
u.a. mit Bela B, Madsen und Turbostaat
Tageskarten € 15,- / Wochenendticket € 25,-
Jamel bei Gressow / Wismar
www.forstrock.de
Pyromide und Stelenfeld von Harry Schaffer
www.studioschaffer.ch



Artikel in der jungen Welt vom 23.08.2016