All You Can Interview°

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Daniel Ableev:

Als diplomierter Tausendsassa verfolgst du eine klare „Was muss, das muss, und müssen muss alles“-Linie – gibt es Kunst, die du nicht machen würdest? Welche zu machende Kunst steht hingegen noch aus?

Iven Einszehn:

Typische Frauenkunst werde ich auf keinen Fall machen! Man erkennt typische Frauenkunst am Unfertigen, schlecht Durchdachten, frei von Kontext, so ungefähres Zeug, dafür irgendwas mit Gefühl, worauf ganz viel abgelabert wird, in den Floskeln Ja, stimmt / find ich auch / hier rechts, auch schön, denn in dieser Kunst stimmt immer alles, weil sie sich einer Kunstbetrachtung entzieht, indem sie sich in Kunsttratsch wälzt.
Typische Frauenkunst würde ich gerne mal machen. Mich befreien vom Vollständigkeitsdrang, den Übertreibungen, der inhaltlichen Pedanterie, mich erfreuen am Unfertigen, Zufriedensein mit geistig angerissenen Inhalten, die komplizierten Kontexte, die einen wochenlang martern, einfach mal weglassen, mich auf das konzentrieren, weshalb ich in Therapie bin: Gefühle. Dazu ganz viel Blasentee. Vielleicht entwickel ich mich sogar weiter und filze meine Ängste.

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Daniel Ableev:
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Morphologische Platte

In Bezug auf die Kunst fehlen manchem manchmal nicht bloß die Worte – es fehlen sogar welche, auch wenn sie manchmal sehr naheliegend sind und hilfreich wären, eine Technik (bzw. einen kunsttechnischen Sachverhalt) exakt zu benennen.

So gibt es für ein zweiteiliges Werk zwar den Begriff Diptychon und für ein dreiteiliges Triptychon, zu einem vierteiligen Werk hingegen hat die Kunstgeschichte nichts Fachliches zu sagen: Obwohl seit Jahrhunderten so gern die vier Jahreszeiten gemalt werden, ist das Quadrichon unbekannt.

Das Gegenstück zur Collage ist die Decollage. Hier wird also nicht aufeinander geklebt, sondern aufeinander Geklebtes abgetragen.

Für die dreidimensionale Collage, die Materialcollage, benutzen wir den Begriff Assemblage. Trägt ein Künstler im Dreidimensionalen aber Material ab, steht ihm die Deassemblage als Einordnung nicht zur Verfügung.

Er hat dann bloß ein Relief – obwohl das falsch ist.

Aber sowas von.

Ein Relief wird nämlich aufgebaut, selbst dann, wenn der Aufbau im Abtragen von Material besteht. Ein Relief ist eine grundsätzlich konstruktive Sache, die „Morphologische Platte“ ist das Gegenteil, sie ist dekonstruktiv, höchstens ein Antirelief (eigentlich auch ein hübsches Wort*):

Iven Einszehn: "Morphologische Platte"
Deassemblage
Acryllack und Graphitpolitur auf Sperrholz
H 49,5 x B 38,5 cm

 

(*Leider könnte das Antirelief genauso gut für eine negativ geschnittene Form stehen, weshalb ich dieses Wort sofort nach seiner Erfindung wegen Missverständlichkeit wieder abschaffe.)

 

Ziegenficken

In der Kunstbetrachtung wird immer wieder derselbe Fehler begangen: Einzelteile werden aus dem Zusammenhang gerissen und deshalb wenig bis gar nicht verstanden. Das ist dumm. Entscheidend ist immer der Kontext – ihn wegzulassen führt grundsätzlich zu Fehlschlüssen.

Besonders dumme Fehlschlüsse hat sich das Landgericht Hamburg geleistet, indem es das Schmähgedicht von Böhmermann einerseits als Satire anerkennt, andererseits und gleichzeitig die Wiederholung bestimmter Textpassagen aus genau dieser Satire durch Böhmermann verbietet. Das ist in etwa so, als würde geurteilt: Eigentlich sind Sie ja unschuldig, aber wir hängen Sie mal lieber auf.

Böhmermann darf nicht mehr verbreiten, Erdogan sei ein Ziegenficker. Wenn Böhmermann behauptet, Erdogan sei ein Ziegenficker, kostet ihn das bis zu 250000 Euro. Kann sein, das Zitatrecht wird demnächst auch noch ausgehebelt, weil es Typen wie mich gibt, die sich das Denken nicht verbieten lassen.

Es sei dahingestellt, ob das Landgericht in der Behauptung, Erdogan sei ein Ziegenficker, lediglich eine anatolische Sexualpraktik gesehen oder darin eine überzogene Metapher an Kulturlosigkeit erkannt hat. Im ersten Fall hätte das Gericht den Wahrheitsgehalt der Aussage prüfen müssen (was garantiert nicht geschehen ist), um die Ziegenfickerei als Lüge, als ehrverletzend und Beleidigung zu enttarnen. Im anderen Fall hätte dieses Gericht schlicht und ergreifend nichts begriffen und ein Urteil auf Geschmack gefällt, ein Geschmacksurteil, weil eine Formulierung nicht gefällt.

Über Geschmack soll hier nicht debattiert werden; ich selbst werde auch nicht verraten, wie geistreich oder gelungen ich das Schmähgedicht von Böhmermann finde. Ich gehöre übrigens zu den wenigen Glückspilzen, die die Ausstrahlung im Neo-Magazin Royale miterleben durften, direkt und unzensiert, ehe dem ZDF aufgefallen ist, dass es unter ganz besonders tollen Qualitätsansprüchen leidet (Rosamunde Pilcher, Helene Fischer), die eine unverzügliche Zensur des Schmähgedichts in der Mediathek erforderlich machten.

Soviel will ich dennoch zu meiner Haltung verraten: Wäre ich Richter, hätte ich Böhmermann höchstens wegen Beleidigung der Ziegen verurteilt.

Ich wäre aber nicht ich, würde ich der unsinnigen Detailfickerei nicht eins draufsetzen. Ich wünsche alle einen geistreichen Orgasmus:

Arbeitsaufgabe-kleiner
Iven Einszehn: „Arbeitsaufgabe“