MS Artville 2016

Mit der schlichten Aufforderung Kunstgucken lädt das Musik- und Kunstfestival MS Dockville zu kostenlosen Sonntagspaziergängen übers Gelände nach Wilhelmsburg. Während es musikalisch und bandmäßig erst ab 18. August ein Wochenende lang ordentlich zur Sache geht, ist die Kunst längst schon da. Für MS Artville arbeiten eine Handvoll Künstler im Vorfeld einige Wochen auf dem Gelände — oder sie hängen einfach ihre Bilder in die bereitgestellten Ausstellungskuben.

Ohne das Dekorationselement Kunst, allem voran allen Facetten der Streetart und Urbanart, des Upcyclings und trashiger Auswüchse im Kunstgebrauch wagen sich seit etlichen Jahren Musikfestivals europaweit nicht mehr aus den Startlöchern. Und so ist auch das Dockville-Gelände über die Jahre zu einem KunterKunstGefrickel aus Dauerinstallationen und skulpturalen Baracken geronnen.

Meistens werden die Künstler auf Musikfestivals missbraucht, indem ihre überbordende Kreativität unentgeltlich ausgenutzt wird: Während von keiner Band erwartet wird, kostenlos aufzutreten, „dürfen“ Künstler sich geschmeichelt fühlen, zur Präsentation ihrer Werke ausgewählt worden zu sein. Ausstellungshonorare werden jedenfalls nie gezahlt, trotz zahlender Gäste, die Eintritt abdrücken für ein Musik- und Kunst(!)festival. (Dass manchmal Aufwandsentschädigungen für Reise- und Materialkosten erstattet werden, ist nebensächlich, denn aktive Honorarleistungen werden in der Regel nicht erbracht.)

MS Dockville versteht es immerhin, die Kunst zu einem gleichrangigen Bestandteil des Gesamtereignisses zu erheben. So opulent wie in manchen vorherigen Jahren ist es diesmal allerdings nicht gelungen. Das gesetzte Thema „Eine real-utopische Geisterstadt“ wurde grandios verfehlt, trotz grandioser Kunst, die es hier und da zu entdecken gibt. Eine Geisterstadt gibt es jedenfalls nicht zu entdecken, dafür hier und da krampfhaft aufs Thema hingewixte Laberei; oder sogar gegenteilige Grundsatzbekenntnisse. Dafür zwei Beispiele, nämlich AIN und Plotbot Ken.

AIN

Der Galeriewürfel von AIN hat es mir echt angetan, denn die Künstlerin hat ihn in eine wahre Kunstexplosion verwandelt. Das utopische pseudo-philosophische Geschwafel auf der Erklärtafel ist in ihren Werken allerdings nicht zu entdecken, hier und da mal etwas Totenkopfartiges reinzumixen, genügt da nicht. Besonders tragisch wird es sogar, wenn ich von einem „interaktiven Dialog zwischen Künstlerin und Besucher“ lesen muss. Na, das is ja toll. Falls AIN sich das ernsthaft als Aufgabe und/oder Forderung gesetzt haben sollte, ist dem Mädchen leider entgangen, dass jede Betrachtung eines x-beliebigen Kunstwerkes grundsätzlich einen Dialog mit dem Betrachter darstellt. So geht Kunst nämlich. Meiner Begeisterung für ihre Arbeit tut dieser naive Quatsch aber keinen Abbruch. Ich bin ja selbst Schuld, dass ich immer alles lese und sogar drüber nachdenke. Als Illustratorin hat AIN einen perfekten Blick auf und für den Mix dekorativer und kompositorischer Elemente, die zwar keine Aussage transportieren, dafür aber eine geballte Ladung künstlerischer Kraft. Denn: Komposition ist alles!

Die einzelnen Bildelemente für sich genommen verlieren leider etwas von der Ausdruckskraft, die sich erst im Gesamteindruck ergibt …

… deshalb: Hingehen. Angucken!

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Plotbot Ken

Plotbot Ken hat einen seiner typischen Gasmaskenmänner als Mural auf Dockville verewigt. Maßgeblich kritisieren und prangern die Werke Plotbot Kens gar nicht an, deswegen malt er beständig Gasmasken, Totenköpfe, Raben, Ungeziefer. Die Werke üben sich in Bescheidenheit, sie sollen lediglich zum Nachdenken anregen und als gesellschaftlicher Spiegel fungieren. Aha. Nachdenken: ja, Kritik: nein. Gesellschaftlicher Spiegel — in Form einer Gasmaske? Wenn mir das etwas sagen soll, spiegeln geradezu, aber nichts kritisieren, dann habe ich mit meiner Birne ein schweres Problem. Wahrscheinlich denke ich wieder zuviel, immerhin heißt das Mural „5 Jahre Fukushima“.

Sei es drum: So sind explodierende Kernkraftwerke dann eben Aspekte der Menschheitsgeschichte, denen man einfach mal ganz unkritisch begegnet darf …

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Zum Schluss drei Lieblingshinweise:

Thomas Dambo aus Dänemark, bekannt für seine riesigen Holzskulpturen, war vor Ort und hat aus Altholz einen prächtigen Kopf um eine Birke gezimmert, welche der Skulptur wie Unkraut aus dem Schädel wuchert.

Thomas_Dambo-02-web Thomas_Dambo-04-web Thomas_Dambo-06-web

Darko Caramellos Installation Transforming Mash ist ein echter Geniestreich. Die Installation (seit 2014 entwickelt) lungert wie ein achtlos entsorgter Haufen Müll in einem Gebüsch, bedrängt von einem viel zu dicht herangestellten Zelt, welches einem mit seinen Halteleinen den Weg zerstolpern möchte. Das inhaltsverweisende Schild schadet dem Werk hier fast schon, weil es die Dimension der Irritation, welche die Installation auszulösen vermag, doch extrem beschneidet. Ich würde mich mit dem Werk jedenfalls ohne Erklärbär, vollkommen allein gelassen mit ihm und mir, viel wohler fühlen …

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Und im Ausstellungskubus des Syrers Mehyar, der seit einem Jahr in Hamburg lebt, hat sich „Mona L.“ versteckt, eine gelungene Picasso-Variation:

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Kunstgucken, letzte (kostenlose) Gelegenheit:
MS Artville, Alte Schleuse 23
Burgfest (mit Kunst-Flohmarkt)
Sa, 13. August, 13-18 Uhr

MS Dockville

 

 

 

 

 

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Cynal e.V. Die Kunstidioten von Dresden

Um mit moderner Kunst Idioten auf den Plan zu rufen, braucht man gar kein Publikum. Es reicht ein kleiner Kunstverein, um sich an der Kunst und dem Umgang mit Künstlern zu entblöden.

Die Kunst befreit den Geist. Die Kunst ist grenzenlos und bedenkenlos, sie überschreitet Grenzen und Bedenken mit Leichtigkeit. Seit die moderne Kunst vor über hundert Jahren erfunden wurde, hat sie das vielfältig bewiesen, und mich überrascht es immer wieder, dass die Kunst heutzutage noch für Unverständnis und Irritationen sorgt und zu Übergriffen verleitet. Als Freigeist und Nonkonformist, der ich vollkommen in der Kunst aufgehe, indem ich mich in ihr und für sie gehen lasse, begehe ich natürlich einen Denkfehler: Ich setze voraus, dass die Entwicklung der modernen Kunst ein selbstverständlicher Teil der Menschheit wäre. Spätestens seit Dada und Fluxus, seit vielfältigen Versuchen, die Kunst zu verfemen und zu unterdrücken, wiederholen sich die Aufreger und sind nicht der Rede wert. Ich vergesse täglich, dass jeden Tag neue Idioten geboren werden, die nichts davon wissen. Oder wissen wollen.

Idioten im besten Sinne stellt der Kunstverein CYNAL in Dresden bereit. Cynal gibt das gleichnamige Kunstjournal heraus. Zur zweiten Ausgabe gab es eine Künstleraussschreibung, die sieben Auserwählten dieser Aussschreibung wurden im Journal veröffentlicht und zu einem Reigen kleiner Einzelausstellungen geladen. Ich selbst habe auf die Gelegnehit einer Einzelausstellung verzichtet und stattdessen gemeinsam mit Alexander Schäder die Kunstexplosion veranstaltet (und innerhalb der Kunstexplosion Thomas Andrée eine kleine Werkschau geschenkt). Zur Kunstexplosion haben wir den Ausstellungsraum in ein öffentliches Atelier verwandelt und vier Tage und Nächte live gemalt. Was uns der Verein Cynal dort an Naivität, Dämlichkeit und Ungeheuerlichkeiten geboten hat, spottet jeder Beschreibung.

Zur Kunstexplosion haben wir die 150 qm Ausstellungsraum zunächst mit Papier beklebt. Fußboden, Wände und Fenster wurden mit unterschiedlichen Klebebändern zu einem Gesamtwerk getapt. Dieses raumgreifende Tape-Werk als erste Grundlage der Kunstexplosion wurde mit Gummidrucken, Lackierungen, Sprüchen und Malereien erweitert und durfte betreten werden, sollte und musste es sogar. Manchem Besucher fiel es anfänglich nicht leicht, eine offensichtliche Kunst mit Füßen zu treten. Die Veranstalter waren da viel einfacher beschaffen, die meinten wohl, wo drauf rumgelatscht wird, da dürften sie überkleben, wo sie etwas anderes wünschen oder wegreißen und wegschmeißen, was ihnen nicht gefällt. Sie haben in unsere Kunst eingegriffen, sie haben die Kunst verfälscht, und sie haben unsere Kunst vernichtet.

u.a. von Cynal e.V. vernichtet:

„Genageltes Tape“ von Iven Einszehn.Vernichtet durch CYNAL e.V. Dresden
"Figurenstele" von Alexander Schäder. Vernichtet durch CYNAL e.V. Dresden
„Figurenstele“ von Alexander Schäder.Vernichtet durch CYNAL e.V. Dresden.
"Istallation Kunstexplosion" von Iven Einszehn & Alexander Schäder. Vernichtet durch CYNAL e.V. Dresden
„Istallation Kunstexplosion“ von Iven Einszehn & Alexander Schäder. Vernichtet durch CYNAL e.V. Dresden.

Nazis 2.0

Spätestens 1937 wurden alle Werke Kandinskys und vieler anderer herausragender Künstler aus deutschen Museen und öffentlichen Sammlungen verbannt, verbrannt oder weit unter Wert ins Ausland verklappt, weil sie nicht in die Naziideologie passten. 1986 wurde die vier Jahre zuvor von Joseph Beuys geschaffene Fettecke von einem Hausmeister zerstört, dem der Dreck in der Ecke offenbar zu viel wurde. 2001 haben die Taliban die Buddha-Statuen von Beniyamin gesprengt, weil ihnen nach ein paar Tausend Jahren eingefallen ist, dass die Dinger nicht in ihre religiösen Vorstellungen passen. Begründungen, sich unerwünschter Kunst zu entledigen gibt es viele, Gültigkeit haben sie nie, sie sind willkürlich und austauschbar. Es gibt nur eine Instanz, die über eine Vernichtung zu entscheiden hat, und das ist der Künstler selbst. Die Jahreszahlen 1937, 1986 und 2001 markieren die Kunstgeschichte eindringlich. Als Kunsteranstalter muß man besonders blöd geraten sein, um sich dort einzureihen. Dafür verleihe ich Cynal e.V. das Prädikat Nazi 2.0 – und verzichte auf die ausführliche Schilderung aller weiteren Details, wie z.B. der Kinderfilzstifte, die man uns allen Ernstes als Arbeitsmaterial zur Verfügung gestellt hat  …

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Ergebnisse der Kunstexplosion

Kunstexplosion Dresden: Plakatierung
Kunstexplosion Dresden: Plakatierung
Kunstexplosion Dresden: Getapter Boden
Kunstexplosion Dresden: Skulpturen von Thomas Andrée
Kunstexplosion Dresden: Skulpturen von Thomas Andrée
Kunstexplosion Dresden: Die Skulpturen von Thomas Andree wurden eingepackt ...
Kunstexplosion Dresden: Die Skulpturen von Thomas Andree wurden eingepackt …
Kunstexplosion Dresden: Die Skulpturen von Thomas Andrée wurden eingepackt ...
… um sie in der Kunstexplosion zunächst verschwinden zu lassen.
Kunstexplosion Dresden: Thomas Andrée
Am Eröffnungsabend wurden die Skulpturen wieder ausgepackt.
Kunstexplosion Dresden: Ausstellungsraum nach 4 Arbeitstagen (und -Nächten)
Kunstexplosion Dresden: Ausstellungsraum nach 4 Arbeitstagen (und -Nächten)
Kunstexplosion Dresden: Ausstellungsraum nach 4 Arbeitstagen (und -Nächten)
Kunstexplosion Dresden: Ausstellungsraum nach 4 Arbeitstagen (und -Nächten)
"ANTI-TRÖDEL" von Alexander Schäder & Iven Einszehn. Das Bild haben wir der Kneipe "trotzdem" geschenkt. Wir empfehlen den Laden dringend weiter, ihr findet ihn in der einzig netten Ecke Dresdens, der Neustadt ...
„ANTI-TRÖDEL“ von Alexander Schäder & Iven Einszehn.
Das Bild haben wir der Kneipe „Trotzdem“ geschenkt. Wir empfehlen den Laden dringend weiter, ihr findet ihn in der Alaunstraße in der einzig netten Ecke Dresdens, der Neustadt. Grüßt Johanna, die Besitzerin, von uns …

Ein paar Details:

Einige Werke von Alexander Schäder …

… und Iven Einszehn:

 

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Presse:

Zeitung_Dresden-kleiner

Und hier gibts noch einen Fernsehbericht.

Kunstexplosion in Dresden

Im Rahmen der Ausstellungsreihe „Kunst geht nach Brot – u.U“ präsentieren die Wettbewerbsgewinner der zweiten Ausgabe des Kunstmagazins #CYNAL ihre künstlerischen Positionen.

Ausstellung "Kunst geht nach Brot u.U." Dresden Centrum Galerie 18. - 22. / 23. - 25.10.2013
„Kunst geht nach Brot u.U.“
Kunstexplosion: 18. – 22. 10. 2013
Ausstellung: 23. – 25. 10. 2013

Ultimatives Künstler-Icon:

Stempel für Dresden!

Iven Einszehn "Ultimatives Künstler-Icon" Stempel für Dresden!
Iven Einszehn
„Ultimatives Künstler-Icon“
Stempel für Dresden!

Iven Einszehn kommt ohne eigene Kunst mit  Alexander Schäder, Thomas Andrée (und Überraschungsgästen) und einer Wagenladung Malzeug im Gepäck in die Centrum Galerie nach Dresden.

Wir verwandeln 150 qm Ausstellungsfläche live vom 18. – 22. Oktober in eine Kunstexplosion. Das Ergebnis der Kunstexplosion wird vom 23. – 25. Oktober präsentiert. Vermutlich explodieren wir zur Ausstellung noch immer, denn wenn der Funke erst gezündet hat, brennen Künstler gerne durch …

Centrum Galerie Dresden Kunstexplosion 18. - 22.10. 2013 live!
Centrum Galerie Dresden
Kunstexplosion
18. – 22.10. 2013 live!

Innerhalb der Kunstexplosion bekommt Thomas Andrée aus Magdeburg eine Einzelausstellung geschenkt.

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„Kunst geht nach Brot u.U.“ / Das komplette Programm:

Zur Eröffnung um 19 Uhrwird die HEIDI-Crew [kleine Korrektur: Wir kommen nicht als Heidi-crew, aber höchstpersönlich] (Iven Einszehn, Alexander Schäder & Thomas Andrée) den Ausstellungsraum durch eine Kunstexplosion erschüttern – Eine Demonstration über Wahrnehmung und Annerkennung von Kunstschaffen. Bereits ab 15:00 Uhr startet Hermann Josef Hack seine AktionBREAD BRANDING – BRANDMARKEN auf der Prager Straße.

Ort: CentrumGalerie Dresden, Prager Straße/ Eingang über Trompeterstraße
Anfahrt: Nur 7 Gehminuten vom Hauptbahnhof, Straßenbahnlinien 7, 8, 9, 11 und 12 halten direkt an der Prager Straße.

 

Teilnehmende Künstler_innen:

23.10. – 22.11.2013 
Lukas Lehmann 
rekonsum.blogsport.de/
Matthias Marx www.wildsmile.de
Mathieu Tremblin  www.demodetouslesjours.eu/

23.10. -26.10.2013
Heidi Crew  
(Iven Einszehn, Alexander Schäder & Thomas Andrée )

23.10. & 27.10. – 29.10. 2013
Hermann Josef Hack 
www.hermann-josef-hack.de 

30.10. – 31.10. 2013
Martin Bothe 
www.kunstknall.de/pages/MartinBothe

01.11. – 08.11. 2013
Phillip Gloger  
www.philippgloger.de 

09.11. – 13.11.2013
Sybille Feucht 
www.atworld.ch
Iven Einszehn www.einszehn.de

15.11. -22.11.2013
Alexandra Karrasch 
www.alexandra-karrasch.de
Thorsten Schneider  www.thorstenschneider.org 

 

Öffnungszeiten: MO – FR 14:00 – 19:00 Uhr / SA+SO 11:00 – 19:00 Uhr

ACHTUNG: die Ausstellung bleibt wegen Umbauten wie folgt geschlossen:
SA 26.10. – ganztägig / DI 29.10.  – ab 15:00 Uhr / DO 31.10. – ab 15:00 Uhr / FR 01.11. – ganztägig / FR 08.11. – ganztägig / DO 14.11. – ganztägig