Ella John: Kleines Konzert mit großem Oje

Am Vera-Brittain-Ufer in Hammerbrook fand heute Abend ein kleines Openair-Konzert statt: Ella John, Folk-Singer-Songwriter-Duo aus Berlin. Auf einem pedalbetriebenen Floß. Schöne Idee eigentlich. Das Floß lag allerdings am einzigen völlig ungeeigneten Platz der gesamten Uferlänge, einer kleinen Treppenanlage, die wie prädestiniert für kleine Veranstaltungen wirkt, weil man ihr – zugegeben – nicht ansieht, dass sie es in sich hat.

Ich hatte den Termin zwar auf dem Zettel, aber niemals damit gerechnet, dass das Konzert ausgerechnet exakt hier stattfindet. Vor Ort habe ich diese Tatsache zunächst hingenommen, denn als „Einzelkämpfer“ wäre ich von den ca. 40 bespaßungswilligen Besuchern, die es sich auf Decken bequem gemacht hatten und teilweise Gin-Tonic mixten, wohl eher vom Ufer gepöpelt worden, statt erhört zu werden. Zur Entschuldigung aller Anwesenden gehe ich allerdings davon aus, dass keiner von denen Kenntnis davon hatte, wo er sich überhaupt befand.

Unmittelbar nach dem Konzert habe ich Magdalena Jacob (Sängerin Duo Ella John) gefragt, ob sie eigentlich wüsste, um was für einen Ort es sich hier handelt.

Ich klärte sie darüber auf, dass es sich bei dieser hübschen kleinen Treppenanlage um ein missglücktes Mahnmal für die Bombenopfer des zweiten Weltkrieges handelt. Die beiden Konzertbesucher auf dem mittleren Treppenklotz säßen mitten auf der Gedenktafel. Genau in diesen Kanal seien im zweiten Weltkrieg von Phosphorbomben entzündete Menschen gesprungen, die jedes mal, wenn sie aus dem Wasser auftauchten, erneut zu brennen anfingen. Also kein geeigneter Ort für ein Konzert.

„Das wusste ich nicht, das musst Du den Veranstaltern sagen,“ entgegnete Magdalena mir. Wie prompt ein Mensch doch fähig ist, Schuld bzw. Verantwortung auf andere abzuladen!

Deshalb antwortete ich ultimativ: „Jetzt weißt Du es. Und Du kannst es den Leuten hier jetzt sagen!“

Leider kann ich Körpersprache lesen und habe Magdalena bereits auf das Stichwort „Mahnmal“ angemerkt, dass sie meine Ausführungen ab dem Bruchteil dieser Sekunde nicht die Bohne interessiert haben. Statt also eine Ansage an die Gäste zu machen, sich gar zu entschuldigen, wie es der gesunde Menschenverstand geboten hätte, ist Magdalena unmittelbar nach meiner Info zurück aufs Floß gestiegen für eine Zugabe.

Damit hat sie etwas viel Aussagekräftiges gesagt: Ich scheiße auf Gedenkkultur, mein Ego steht über jedem einzelnen Opfer, ich verkaufe lieber ein paar CDs. Damit ist Magdalena Teil dieser Zeitgeistidiotie, die auf dem Holocaustmahnmal in Berlin für Selfies Faxen macht oder am Gedenkort Hannoverscher Bahnhof in der Hafencity Dehnübungen praktiziert, um sich fit zu halten.

Um diese schwachsinnigen Fehlleistungen ganz einfach auf den Punkt zu bringen: Für jeden Scheiß, den ein Mensch machen möchte, gibt es auf der Welt überall massenhaft Platz. Die Notwendigkeit, dafür ein Mahnmal zu benutzen, gibt es nie.

Extra für dich, Magdalena, möchte ich eine Kleinigkeit hinzufügen: Allein In Hammerbrook, dem einstigen Arbeiterviertel, sind im Juli 1943 12000 Menschen verreckt. Vielleicht machst Du darüber mal ein Lied, damit Du deinen Zuhörern nicht nur mit Gitarrengeplänkel schmeichelst, sondern ihnen auch mal vom Inhalt eines Songs rechtschaffen schlecht wird! Ich könnte mir vorstellen, dass dir dies einiges an Achtung einbringen würde …

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