Zuerst mal das …

Iven Einszehn: „Warnschild“
Lack (Stencil) auf Schild
29,8 x 42,2 cm

 

Künstlerbücher für ALLES
Weserburg | Museum für moderne Kunst
Zentrum für Künstlerpublikationen
03.06. — 06.08.2017           Zusatztermine

6. Regionalschau (1)
Aktuelle Kunst deutscher und dänischer Künstler
Drostei Pinneberg
01.07. — 06.08.2017

Eröffnung Regionalschau
6. Regionalschau (2)
Aktuelle Kunst deutscher und dänischer Künstler
Rathaus und Kunstverein Haderslev / Dänemark
19.08. — 24.09.2017

 


CD für Experimentelles

Absolut empfehlenswert: HfbK Grundklassen | Wartenau

Die Nebenorte der HfbK-Jahresausstellungen führen stets ein etwas stiefmütterliches Dasein. Völlig zu Unrecht. Ich empfehle deshalb die dritte Etage in der Wartenau 15. Die Abschlusspräsentationen der Grundklassen warten mit einer derart facettenreichen Ladung an Kunst auf, dass man sich kaum sattsehen kann.

Es ist immer wieder beeindruckend, wie geistreich, ausschweifend, experimentierfreudig, oft mit Witz und Mut zur Gradwanderung gerade in dieser Phase des Studiums zu Werke gegangen wird. Das ist nicht nur ein furioses Feuerwerk an Idee und Ausdruck, hier tobt die Kunst regelrecht, scheint Wände und ganze Räume in Taumel zu versetzen.

Wie schade ist es doch immer wieder, wie wenig letztlich davon übrig bleibt, wieviel davon im Lauf des Studiums auf der Strecke bleibt. Das ist die ewige Krux der Kunsthoschschulen, da wird gehirnt, diskutiert, kritisiert und gezweifelt — nach einigen Jahren ist ein Großteil des kreativen Geistes schlicht aus den Köpfen geredet. Am Ende halten dann viele eine aalglatte, marktgerechte und eigentlich hirnamputierte Kunst für genau richtig. Aber ich empfehle ohnehin jedem, der Künstler sein oder werden will und rechtzeitig ein Selbstverständnis als Künstler entwickelt, die Schule zu schmeißen oder es von vorneherein zu lassen, denn obwohl man an Kunsthochschulen natürlich jede Menge lernen kann, wird eben auch massenhaft Eigenart zerstört …

Zu mancher Entdeckung in der Wartenau hätte ich jetzt viel zu sagen. Dafür fehlt im Augenblick die Zeit, bestimmt werde ich aber in nährer Zukunft auf das eine oder andere Folgewerk zu sprechen kommen. Für heute gibts deshalb an dieser Stelle eine geballte Ladung Kunst auf die Augen. Nehmt es zum Anlass und geht hin, nur noch bis morgen gibt es dafür die Gelegenheit.

 

 

HfbK Absolventenausstellung
Nebenort: Wartenau 15 | 3. Obergeschoss: klasse Grundklassen

HEUTE | 15.07. | bis 19:00 Uhr
MORGEN| 16.07. | 16:00 — 19:00 Uhr

Spektakulär: HfbK Absolventenausstellung

Die Absolventausstellungen an der Hochschule für bildende Künste sind seit Jahr und Tag ein Garant für hochrangige Künstvergnügen. Es lohnt sich immer hinzugehen, enttäuscht wird man nie, nicht ohne Grund werden die Eröffnungsabende von Gästen regelrecht überrannt. Dieses Jahr ist die Absolventenausstellung nicht nur extrem sehenswert, sondern spektakulär, geradeso, als hätten die Absolventen ihrer Hochschule zum 250. Geburtstag, der mit einer umfangreichen Veranstaltungswoche begangen wird, ein Extrageschenk gemacht …


Wenn es eine exakte Grenze zwischen Installation und Skulptur gibt, dann hat Benjamin Nurgenc sie mit seinem Heptagon in der Aulavorhalle der HfbK gefunden.

Das mag daran liegen, dass Nurgenc seine Zukunft nicht in der Kunst sieht, sondern in den Wissenschaften. Meine Sicht soll ihm aber keinen Findungsprozess unterstellen, in der er diese Grenze ausgelotet hätte. Die besten Schöpfungen gelingen oftmals aus einer inneren Gewissheit heraus, und die setzt sich eher in Form eines Gefühls, der Erkenntnis um eine Richtigkeit, fest, als in Form eines korrekten – quasi technischen – Plans, der abzuarbeiten wäre. Im Besonderen gilt das wohl für minimalistische Werke, die häufig verkannt werden, weil sich in ihrer Leichtigkeit wenig spontane Gedanken verfangen, voreilig betrachtet scheinen sie Deutungen geradezu zu absorbieren und sind deshalb eine besondere Herausforderung an das Verständnis für Perfektion.

Denn den perfekten Ausdruck zur Umsetzung einer inneren Spannung zu finden, ist in der Kunst die eigentliche Kunst. Und das ist Nurgenc großartig gelungen.

Benjamin Nurgenc: ohne Titel („Heptagon / scharzer Spiegel“)

Sein unbetiteltes Heptagon liegt dort auf dem Boden wie ein auf Hochglanz polierter schwarzer Spiegel, geradezu magisch und atemberaubend, wenn der Blick auf der extremen Schärfe der Oberfläche wandert oder sich wie von einer metaphysischen Anziehungskraft gebannt darauf verfängt. Es braucht ein gehöriges Maß an Naivität, um nicht zu verstehen, um nicht zu sehen, dass dort nichts poliert wurde, der Spiegelglanz eine stoffliche Eigenschaft der Oberfläche ist, die autark existiert, aus der Opazität einer Flüssigkeit heraus. Diese Flüssigkeit als ein Öl zu erkennen, ist dann auch nicht mehr schwer. Vorausgesetzt natürlich, man geht mit offenen Augen durch die Welt und gibt sich überhaupt Mühe, alle nur erdenklichen Selbstverständlichkeiten des Alltags zu verstehen. Manche Besucher allerdings scheinen nicht nur gar nichts zu verstehen, eine einem halbwegs kultivierten Menschen angemessene Beschäftigung mit Kunst ist ihnen auch fremd. Da wird immer und immer wieder hemmungslos angefasst, zugegriffen, gegrapscht und gefummelt. Nicht zu kapieren, dass Kunst keine Supermarktware ist, ist nicht naiv, das ist dumm.

So durfte ich live miterleben, wie ein bescheuertes Mädchen einfach mal drauf gelatscht ist, auf diesen seltsamen schwarzen Spiegel, um sich seiner Eigenschaften zu vergewissern. Während ich darauf ausgerastet wäre, hat Nurgenc seinen Charme nicht ganz verloren und das Mädchen lediglich etwas aufgebracht darüber belehrt, wie man nur auf solch eine Idee kommen kann – man tritt doch nicht einfach auf ein Kunstwerk. Als Entschuldigung bekam er prompt zu hören, das Mädchen hätte ja nicht mit Öl gerechnet.

Logo, da trampelt man natürlich einfach mal drauf, wenn man einen riesigen, dann aber offenkundig extrem zerbrechlichen Spiegel erwartet! Hierfür meinen ausdrücklicher Glückwunsch an die Doofheit.


Die Produkt-Designs von Simon Schmitz werden in spätestens zwanzig Jahren in jeder dritten Wohnung zu finden sein, da bin ich mir ganz sicher. Der erste Schritt dahin ist längst getan, denn seit einigen Jahren vertreibt Schmitz seine Entwürfe über seine Firma SPOD (Spot on Design GbR).

Seine Gestaltungen sind nicht nur exakt ausgeklügelte, extrem reduzierte Meisterwerke, manchmal basieren seine Entwürfe auch auf technischen Spielereien bzw. einer Begeisterung für technische Details, um die herum Schmitz ein Konzept entwickelt.

Simon Schmitz: „Lampe L03“

Ein wundervolles Beispiel hierfür ist die Tischlampe L03. Ihr zugrunde liegt das mechanische Prinzip der Muller-Ratsche oder auch Sperrklinke, die das Drehen an der Verzahnung in falscher Richtung verhindert. Auch wenn in der Lampe die Sperrklinke selbst keine Anwendung findet (die Gelenke lassen sich in beide Richtungen drehen, alles andere wäre bei einer Lampe allerdings auch völlig unsinnig), so ist es aber doch das typische Geräusch einer Ratsche, das den Ursprung der Idee festhält. Und, nicht zu vergessen: Die reine Schönheit der Mechanik, die hier nicht allein als technisch notwendiges, sondern vielmehr als prägendes Gestaltungselement ein extrem selbstbewusstes Dasein führt.

Simon Schmitz
SPOD

Der Dadaismus hat in allen Bereichen der Künste für Innovationen gesorgt, die unserem heutigen Kunstverständnis eine fast endlose Bandbreite an Möglichkeiten und Ausdrucksformen beschert hat. Auch mit dem Bühnenraum wurde im Dada radikal experimentiert. Bis vor wenigen Tagen hätte ich behauptet, dass in den hundert Jahren, die Dada mittlerweile nachwirkt, an Theatern alle Möglichkeiten, den Bühnenraum neu zu definieren, ausgeschöpft wurden. Ich kann mich jedenfalls kaum daran erinnern, in den letzten zwanzig Jahren etwas wirklich Neues gesehen zu haben.

Und dann diese Überraschung: Die vollkommene Innovation, die Neuerfindung der Bühne, ein Meisterwerk, das einen in seiner Gewagtheit in den Bann zieht, gar nicht mehr loslassen will.

Lea Maria Burkhalter, Yi-Jou Chuang, Marlene Lockemann, und Hyejin Yoon haben eine raumfüllende Konstruktion zusammengezimmert, drei windschiefe Hohlkästen auf ein kaum ein Meter hohes Ständerwerk gebaut. In diesen Kästen wirken die Schauspieler und das Publikum wird auf den Boden gezwungen. Auf Rollbrettern ist es unter der Inszenierung unterwegs, und weil nur wenige Rollbretter zur Verfügung stehen, rutschen etliche Besucher auf dem Rücken über den Fußboden, um von Kasten zu Kasten den Dialogen zu folgen, Blicke zu erspähen.

Selbst wenn man sich gar nicht aktiv als Zuschauer in dieser Form daran beteiligt, vom aufgeführten Stück nicht viel mehr mitbekommt als gelegentliche Sprachfetzen, die aus den Holzkästen dringen, ist es ein außerordentliches Vergnügen, dem regen Treiben unterhalb der Bühnenräume zuzuschauen. Fast möchte ich behaupten, es wäre fast egal, was sich im Innern abspielt, denn hier erhält das Theater eine sensationelle Nebenebene in Form seiner Zuschauer …


Absolventenausstellung 2017
HfbK | Lerchenfeld 2 | U-Mundsburg
14. – 16. Juli | täglich 14–20 Uhr
 
Öffentliche Führungen | 16 + 18 Uhr | Treffpunkt: Aulavorhalle
Führungen für Kinder ab 6 Jahren (ohne Eltern) | Sa + So |  16 Uhr

Nebenorte: Wartenau 15 & Finkenau 42
Eingeschränkte Öffnungszeiten Wartenau 15
14. – 16. Juli | 16–19 Uhr

 

Festwoche: 250 Jahre HfbK

Zusatztermine: Künstlerbücher für alles

Die gut besuchte Ausstellung Künstlerbücher für alles in der

Weserburg | Museum für moderne Kunst Bremen

Zentrum für Künstlerpublikationen

hat folgende Zusatztermine in Programm:

 

 

Künstlerbuch-Mini-Markt
Samstag | 29. Juli | 14—17 Uhr
für einen Nachmittag sind rund 25 Künstler und Künstlerinnen
der Ausstellung „Künstlerbücher für Alles“ anwesend
und bieten ihre Künstlerbücher zum Verkauf

Eintritt frei

 

Kuratorenführung zu geöffneten Vitrinen
Sonntag | 9. Juli | 15 Uhr
Donnerstag | 20. Juli | 17 Uhr
Sonntag | 6. August | 15 Uhr

 

Künstlerbücher für Alles
03. Juni – 06. August 2017
Eröffnung | 02. Juni | 19:00 Uhr

Zentrum für Künstlerpublikationen 
Weserburg | Museum für moderne Kunst
Teerhof 20 | 28199 Bremen

Di – So | 11:00 – 18:00 Uhr
Do | 11:00 – 20:00 Uhr
(Mo geschlossen)
Erwachsene € 8,- / € 5,- 
Familien € 14,-


Künstlerbücher für alles

 

G20 | Hamburger Höllentage: Das war ein staatlicher Angriff auf die Linke

Demo „Welcome to Hell“, 06. Juli, Fischmarkt Hamburg

Die Demo wurde ohne Auflagen genehmigt, was in Hamburg aber nichts bedeutet. Der schwarze Block wurde aufgefordert, die Vermummungen abzulegen. Viele kamen dieser Aufforderung nach. Übrigens gab es in der rosa Samba-Gruppe auch Vermummte, die durften aber weitermachen, es ging also nicht darum, das Vermummungsverbot durchzusetzen.

Prompt trampelte die Polizei auf St. Pauli Fischmarkt mit Hundertschaften in die Demo, um den schwarzen Block einzukesseln. Das hatte eine fast massenpanikartige Flucht über die Flutschutzmauer hinauf auf die Promenade zur Folge. Die Polizei hat sich sofort auf Menschenjagd begeben, planlos Flüchtende mit Reizgas attackiert und auch mit Schlagstöcken drauf gehauen. Erst dann entbrach eine Welle der Gegengewalt, es flogen massenhaft Flaschen und Steine und Böller.

 

Polizei kesselt schwarzen Block ein
Polizei kesselt schwarzen Block ein
Polizeigewalt: Einkesselung des schwarzen Blocks und Zerstörungswut
Polizeigewalt: Sinnlose Zerstörungswut
Polizeigewalt: Menschenjagd
Polizeigewalt: Draufhauen

 

Polizeigewalt: planloser Reizgaseinsatz
Polizeigewalt: Wasserwerfereinsatz gegen Einzelperson
Polizeigewalt: Wasserwerfereinsatz gegen Einzelperson
Polizeigewalt: Lausprecherwagen in Fetzen
Polizeiarbeit
Hamburger Protestbürste

Ein Verletzter wird abtransportiert

Ein Verletzter wird versorgt

Die Polizei überfiel dann auch noch mit Hundertschaften und Wasserwerfern die Tausenden friedlichen Demonstranten auf dem Fischmarkt. (Dort befanden sich meine Frau und Freunde.)

Polizeigewalt: Wasserwerfereinsatz gegen friedliche Menge auf dem Fischmarkt
Polizeigewalt: Wasserwerfereinsatz gegen friedliche Menge auf dem Fischmarkt
Zerschlagener Protest auf Räumpanzer

Die Bilder der darauf folgenden drei Tage und Nächte in Hamburg sind um die Welt gegangen. Was in der Folge als ziellose Zerstörungswut nicht nur in den Bevölkerungskreisen, die bislang selbst Ausschreitungen vor der eigenen Haustür mehr oder weniger toleriert haben, sondern auch in linken Kreisen auf Unverständnis und Entsetzen stößt, muss aber genauer betrachtet werden. Wer hier zu klein denkt, und sich an Gegenständen hochzieht, der versteht gar nichts.

Na klar ist es Scheiße, Fahrräder ins Feuer zu schmeißen, Kleinwagen abzufackeln, Geschäfte kleinerer Selbständiger zu plündern. Zur Basiskritik am generellen Widerstand sind solche Entgleisungen dennoch ungeeignet, weil sie den vorrangig jungen Akteuren einen Verstand unterstellen, den nicht einmal ausgebildete, langjährig berufserfahrene Polizisten besitzen, wie die unzähligen Rechts- und Grundrechtsverletzungen einer Polizei, die sich wie in SA-Manier aufgeführt hat, in Hamburg gezeigt haben. Das muss man gegeneinander aufwiegen, weil Ursache und Wirkung nicht untrennbar voneinander existieren.

Die Eskalation in Hamburg hat nicht mit Krawallen begonnen. Für die hat die Polizei erst gesorgt. Die vielen Demonstrationen verliefen friedlich; auch die als vermeintlicher Aggressor vereinnahmte Demo „Welcome to Hell“ war friedlich aufgestellt und glich eher einem bunten Volksfest.

Seitens der Polizei wurde seit Donnerstag drei Tage lang hemmungslos auf Flüchtende, auf am Boden Liegende, auf Verletzte eingeknüppelt, Reizgas und Wasserwerfer wurde gegen friedliche Demonstranten, gegen Unbeteiligte eingesetzt, Presseausweise wurden aus der Hand geschlagen, Journalisten wurden behindert und in unverhohlener Feindschaft körperlich angegriffen.

Die Polizeiübergriffe begannen nicht erst auf der Demo am Donnerstag, dort sorgte die Polizei bloß für die Legitimation ihrer kommenden Gewaltexzesse, indem sie die massive Gegengewalt provoziert hat.

Das alles begann bereits mit dem Polizei-Putsch in Entenwerder am Sonntag, 02. Juli, als trotz gegenteiligen richterlichen Beschlusses das Protest-Camp geräumt wurde. Und zwar mit dem diktatorischen Argument, die Rechtslage würde sich bestimmt noch ändern!

Ab diesem Augenblick herrschte in Hamburg die Ehrlosigkeit und Anarchie in Form von Hundertschaften der Polizei. In der Folge hat sich auf Hamburgs Straßen ein kleiner Volksaufstand entladen.

Auf der gestrigen Pressekonferenz behauptete Einsatzleiter Dudde, auf der Demo „Welcome to Hell“ am vergangenen Donnerstag sei die Polizei erst nach Stein- und Flaschenwürfen eingeschritten. Als Zeuge direkt vor Ort sage ich: glatt gelogen. Als Hamburger sage ich: war nie anders. Wird keine Konsequenzen haben. Höchstens für mich. Denn was wir in Hamburg erlebt haben, war ein staatlicher Angriff auf die Linke.

Relativ unbemerkt hat sich in den letzten Tagen in der Polizei- und herrschenden Politikpropaganda ein neuer Sprachgebrauch etabliert. Während ich mich immer schon darüber aufrege, dass weder Polizei noch Bürgerliche Presse imstande oder gewillt sind, zwischen Linksradikalität (Radikalität bedeutet Konsequenz) und Linksextremismus (Extremismus bedeutet Gewalt) zu unterscheiden, war zunächst vom schwarzen Block, dann plötzlich nur noch von Linken oder ganz platt von Linksfaschisten die Rede, die sich Schlachten mit der Polizei liefern und brandschatzend durch halbe Stadtteile ziehen.

Der Sinn dieses Sprachgebrauchs ist leicht zu entlarven: Es geht darum, eine allgemeine Ablehnung gegen alles linke Denken, gegen jede linke Haltung in der Bevölkerung zu manifestieren. Die Linke wird zum Staatsfeind Nr.1 gekürt.

Grotesk daran ist: es gibt gar keine einheitlich linke Bewegung. Links ist ein Spektrum an Haltungen und Vorstellungen, Visionen und Illusionen. Autonome, Anarchisten, Kommunisten, Sozialisten, Antifaschisten, Antikapitalisten und und und. Und unzählige Bewegungen, die ohne -ismus auskommen und noch mehr Bewegungen, die von allem ein bisschen sind – es bräuchte dreißig Seiten Papier und ich hätte nicht annähernd ein vollständiges Bild umrissen. Allen ist nur eines gemein: Die Ablehnung der herrschenden Verhältnisse, die Vorstellung an eine bessere Welt. Diese Grundhaltung soll stigmatisiert werden. Dazu dienen die Bilder der Zerstörung, der Gewalt, die beweisen sollen, dass all das mit Politik nichts zu tun hat und bestimmt nicht dazu beiträgt, die Welt zum Besseren zu verändern. Dass diese Bilder Zeugnisse des Widerstands sind, wird weggelogen. Hier wird Geschichtsfälschung betrieben, bevor die Geschichte überhaupt geschrieben wurde.

So facettenreich, wie linke Ideen praktiziert werden, so ist auch ein schwarzer Block, obwohl er sich einheitlich aufstellt, keine homogene Gruppe, sondern ein kurzzeitiges Zweckbündnis, um Geschlossenheit auf einer höheren Ebene zu symbolisieren. Als Kopfpunkt eines Demozuges zunächst einmal, um laut zu sein, um eine unverkennbare Anti-Haltung in die Welt zu schreien, die der gesamten Demo Kraft verleiht. Letztlich werden innerhalb solch eines schwarzen Blocks dann aber unterschiedlichste Ideale verfolgt und verschiedenste Strategien umgesetzt. Von friedfertig bis böswillig ist da alles drin, wie in der übrigen Bevölkerung auch.

Ein Teil des schwarzen Blocks hat ganz sicher die Kriegserklärung der Polizei angenommen und ist in die Schlacht gezogen; ganz sicher ist ein schwarzer Block keine grundsätzlich extremistisch gesinnte Gruppe, auch wenn die Polizei der Welt genau das weiszumachen versucht, indem sie den schwarzen Block zum Hauptfeind stilisiert. Ganz sicher haben sich viele für die Straßenkämpfe einfach nur schwarz angezogen. Mit welcher politischen Gesinnung und ob überhaupt, ist völlig dahin gestellt. Die Pauschalbehauptung, das seien alles Linke, wird natürlich prima unerstützt durch den Hauptort des Geschehens, das linksalternative Schanzenviertel und mehr noch die unmittelbare Nähe zur Roten Flora. Die Frontlinie wird allerdings bei jeder Gelegenheit von der Polizei genau dort aufgestellt, indem Hundertschaften, Wasserwerfer, Räumpanzer das Viertel besetzen. Würden sie in Poppenbüttel aufmarschieren, würde dort gekämpft!

Es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen Straftaten, die aus der Bevölkerung heraus begangen werden und solchen durch die Polizei. Als wäre das nicht unerträglich genug, werden von der Polizei verübte Straftaten praktisch nie geahndet, und das erschüttert das Grundvertrauen vieler Menschen, die bisher an der Polizei gar nicht gezweifelt haben. Genau deshalb gab es nicht nur militanten Widerstand, sondern auch in hohem Maße zivilen Ungehorsam und Sitzblockaden gegen Polizeiaufmärsche, Wasserwerfer und Panzerfahrzeuge. Das war keine revolutionäre Solidarität, das war ein Aufbegehren gegen eine Polizei, die total ausgerastet ist und zuletzt sogar das schwerbewaffnete SEK, das vollkommen soldatisch aussieht, in die Hamburger Hölle schickte, um die Straftäter aus den eigenen Reihen, die drei Tage lang bekämpft wurden, zu schützen.

Es wird gerne so getan, als gäbe es Wahrheit. Es gibt aber immer mehrere Wahrheiten. Meine, hier, ist eine davon.

Eine, um die sich die herrschende Politik nicht schert, sie stilisiert die polizeistaatlichen Verhältnisse in Hamburg längst zum Heldentum um und beweist das mit verletzten Polizisten. Zu verletzten Demonstranten schweigt sie. Auch hier muss ich als Hamburger eine Wahrheit beitragen: war nie anders.

Und wieder werden Rufe laut, die Rote Flora müsse weg. Als Anmelder der Demo „Welcome to Hell“ sind die Flora-Sprecher für die Ausschreitungen aber nicht verantwortlich. Olaf Scholz will als Hauptschuldiger für G20 auch keine Verantwortung übernehmen, obwohl er uns dieses „Fest der Demokratie“ beschert hat. G20 ist aber die alleinige Ursache allen Übels, der Hauptschuldige heißt Olaf Scholz.

Ein Angriff auf die Rote Flora wird die Kämpfe zurück auf Hamburgs Straßen holen. Dann wird passieren, was letztes Wochenende in Hamburg drohte. Dann wird der Staat Menschen erschießen müssen.

Ein Fall von Anständigkeit: La Grande Plakastrophe

Fälle von Anständigkeit findet man bei Hamburger Unternehmen in diesen turbulenten Tagen um G20 nur selten. Zu groß scheint die Angst vor Gesichtsverlust zu sein, zu groß die Angst, in einem Atemzug mit Vorkommnissen genannt zu werden, die zwar (noch) gar nicht eingetreten sind, von denen Boulevardpresse und Polizei in hellseherischer Fähigkeit aber bereits seit Wochen berichten. Und es gar nicht abwarten können, dass es ordentlich knallt. Denn diese Gipfel sind eine immer wiederkehrende Zumutung, an denen sich die Ohnmacht der Bevölkerung in regelrechten Straßenschlachten Bahn bricht.

Zu groß scheint die Angst zu sein, Geschäftspartner zu verprellen, sich gar Auslandsgeschäfte zu versauen: Das ist nichts anderes als der Kapitalismus von einer seiner unzähligen hässlichen Seiten.

Kaum eine Firma, kaum ein Unternehmen in Hamburg positioniert sich klar gegen G20, für eine bessere Welt, in der alle Völker und Staaten und somit alle Menschen gleichberechtigt behandelt werden — oder die Kleingehaltenen, die Ausgebeuteten, die von Hunger, Krieg, mangelnder Gesundheitsversorgung, Bildungsmangel oder sonstigem Leid Betroffenen sogar etwas besser. Allein dieser einfache humanistische Ansatz scheint vielen schon viel zu links zu sein …

Ein Ausnahmefall von ausgesprochener Anständigkeit ist die giraffentoast gmbh. giraffentoast hat unter dem wunderbaren Titel LA GRANDE PLAKASTROPHE einen Wettbewerb ausgeschrieben, um Hamburg zum Gipfelwochenende mit Protestplakaten vollzuballern.

Ausstellung La grande Plakastrope

Die 20 Gewinnermotive werden seit Tagen fleißig im Schanzenviertel und auf St. Pauli verklebt. Vielleicht ist euch das eine oder andere Plakat bereits über den Weg gelaufen (siehe Bildstrecke: Hamburger Aufstand 2017: G20 in Plakaten und Protesten). Nicht immer sind die Motive auf ersten Blick zu entschlüsseln — aber ohne Verstand lässt sich die Welt eben auch nicht verbessern.

Heute gibts zur LA GRANDE PLAKASTROPE in den Räumen von giraffentoast ab 18:00 die Ausstellung aller rund 100 eingereichter Plakatvorschläge. Der Termin kollidiert zwar unglücklich mit der Großdemo G20TOHELL, aber vielleicht gönnt sich oder braucht jemand eine kleine Auszeit und nutzt die Gelegenheit bei einem kalten Getränk die Ausstellung zu besuchen.

Ich möchte anregen, die Ausstellung anschließend an das Archiv der Sozialen Bewegungen (ASB) in der Roten Flora zu übergeben. Dort ist sie als Zeitzeugnis für die Ewigkeit bestens aufgehoben.

Plakastrophe-William-Takashi-Ahrend
Plakastrophe-Sam-Janzen
Plakastrophe-Phillip-Jones
Plakastrophe-Paula-Partzsch
Plakastrophe-Holger-Markewitz-Peters
Ausstellung
La grande Plakastrophe
06. Juli | 18:00 — 23:00
Uhrgiraffentoast gmbh|Kleiner Schäferkamp 28|Schanzenviertel
giraffentoast
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Archiv der Sozialen Bewegungen
G20: Unhappy meeting

Lieber tanz ich als G20: 30000 auf Demorave

 

Wir lassen uns das Dagegensein nicht verbieten!
Erdogan’i katledin / Tötet Erdogan

 

G20: Park Arrivati und Hamburger Herrenmenschen

Seit wenigen Tagen hat sich am Neuen Pferdemarkt, im Grüngelände eingezwängt zwischen Straßen und Partymeilen, der Park Arrivati etabliert. Der Park der Angekommenen steht ganz  im Zeichen der Refugees, der Vertriebenen und Geflüchteten. Dort werden die körperlichen und seelischen Ursachen und Umstände von Flucht und Vertreibung dokumentiert und Fragen im Umgang mit den hier Angekommenen aufgeworfen, hier wird informiert, kritisiert und diskutiert. Der Park Arrivati ist eine vollkommen friedfertige Angelegenheit, die zahlreichen Menschen vor Ort sind ausgelassener Stimmung und interessiert an den Dokumentationsmaterialien und kleinen Aktionen und Spielformen, die den Geist schärfen. Hier kann man etwa einen Einbürgerungstest machen, und so mancher Deutsche taugt dann nicht für dieses Land. Damit ist der Park Arrivate ein Protest auf niedrigstem überhaupt denkbarem Niveau, dem nichts vorzuwerfen ist. Wir müssen allerdings befürchten, dass die Polizei Hamburg auch dieses Projekt vom Rasen prügeln wird, sobald die propagandistische Wirkung etwas zu groß gerät

Die Innenbehörde hat längst deutlich gemacht, dass es ihr in Hamburg zu G20 keineswegs darum geht, gewalttätige Proteste zu verhindern. Sie hat etwas gegen Menschen mit eigener Meinung. Spätestens seit gestern Abend wird 1:1 kopiert, was wir aus der Türkei kennen, aus China, aus Nordkorea, aus Russland und aus sonstigen Kackstaaten. Niederschlagung und Unterdrückung sind die ersten Mittel der Wahl im Umgang mit der Hamburger Bevölkerung und protestierenden Gästen zu G20.

Dem Aufruf zum hedonistischen Massencornern sind gestern abend Tausende in Hamburg gefolgt. Und sie haben genau das getan, an Ecken herumgelungert, Musik gehört, miteinander angestoßen, nichts weiter. Als es zu viele Menschen wurden, wurde das war der Polizei zu viel. Mit Aufgeboten von Hundertschaften, dem Einsatz von Schlagstöcken und Wasserwerfern wurden rund um den Neuen Pferdemarkt die cornernden Menschenmassen von Ecke zu Ecke getrieben. Auch den Park Arrivati hat es dabei (erstmals) erwischt, obwohl der eine ganz eigene Veranstaltungsform in unmittelbarer Nähe zu einer cornernden Menge darstellt.

Als das Schauspielhaus gestern Abend überraschend seine Türen für Übernachtungen öffnete, hatte die Polizei rechtswidrig nichts Besseres zu tun, als sich versperrend vor der Tür aufzubauen. Sie wurde vom Schauspielhaus nicht darum gebeten. Hier sollte abermals die harte Haltung durchgesetzt werden, dass Protestcamps in der Stadt nicht geduldet werden und jede solidarische Aktion nichts anderes darstellt als ein Camp auf anderem Niveau. In der Art, sich als Herrenmenschen zu gebärden, bis an die Zähne bewaffnet in Übermacht aufzulaufen, baut die Polizei Drohszenarien auf, mit denen sie sich ihre Konflikte selber aussucht, indem sie sie produziert. Das ist die eigentliche Taktik, und auch dieses Verhaltensmuster ist uns aus totalitären Staaten bekannt. Die Geschäftsführung des Schauspielhauses musste die Polizei allen Ernstes erst darüber belehren, dass sie das Hausrecht im eigenen Haus hat und eigene Entscheidungen treffen darf, ehe die Polizei sich zurückzog!

Schauspielhaus Hamburg, 04. Juli 2017, 23:15 Uhr: Hamburger Herrenmenschen blockieren rechtswidrig am Schauspielhaus Hamburg den Zutritt zum Gebäude.

Ich hatte nie einen Zweifel daran, dass Hamburg diesen Sommer nie vergessen wird. Die Dummheit der Polizei an der Herausbildung dieses Gedächtnisses ist dabei unbeschreiblich.

Denn sie produziert Widerstand.

Kulturtipp für G20-Flüchtlinge: KUNST_AN_BAU

Angeblich wollen fast ein Drittel der Hamburger zu G20 aus Hamburg flüchten. Gerade G20-Flüchtlinge, bzw. die Fluchtwilligen sollten aber genau deshalb in Hamburg bleiben. Denn gerade sie spüren doch in der eigenen Haut, was das für ein beknackter Politzirkus ist, der hier mitten im Herzen der Stadt verunstaltet (!) wird. Gerade die Fluchtwilligen haben also allen Grund, sich aufzuregen, sich querzustellen, ihren Unmut auf die Straßen zu tragen und der Welt zu zeigen, was faul ist im Polizeistaat Hamburg.
Zur Förderung der Proteste auf Hamburgs Bannmeilen fordere ich deshalb alle Nachbargemeinden Hamburgs und alle sonstigen Außerhamburgischen Ländereien dazu auf, sämtliche G20-Flüchtlinge aus Hamburg unverzüglich in ihr Heimatland abzuschieben respektive die Aufnahme politischer Flüchtlinge aus Hamburg zu verweigern. Die körperliche Gewalt, die Asylsuchenden in Hamburg droht, ist kein Asylgrund; sie wird aus Hamburger Gewohnheitsrecht vonseiten der Polizei ausgeübt und praktisch nie von Richtern auf rechtsstaatlicher Ebene gewürdigt – falls die überhaupt mal in Laune sind, sich mit so was zu beschäftigen. Im Prinzip ist sie also vollkommen bedeutungslos und wird in diesem Sinne von der Boulevardpresse auch mit der Gegengewalt, die ihnen doppelt und dreifach wiegt, aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt.
Es ist unverkennbar, dass ich so ziemlich gar kein Verständnis für diejenigen aufbringe, die jetzt weglaufen, denn sie verraten die Kritiker und Gegner des Gipfels, die undemokratischen Zustände in der Stadt, die vielfältigen Rechts- und Verfassungsverstöße der Verfolgungsbehörden, den Generalverdacht gegen jeden und alles und den offiziellen Empfang von gleich drei Diktatoren im in der jüngeren Geschichte doppelt diktaturbelasteten Deutschland auf ganz perfide Weise.
Zur Pflege und Förderung meiner ganz persönlichen Toleranzgrenzen warte ich deshalb mit einem Kulturtipp auf – zumindest für all jene G20-Flüchtlinge, denen es gelingen wird, sich bis nach Pinneberg durchzuschlagen. Pinneberg ist eine geradezu G20-aseptische Dorfgemeinschaft, mir jedenfalls ist am vergangenen Wochenende auf meinem Spaziergang durch die Stadt nicht ein einziger Aufruf aufgefallen, der kritische Geister wecken und nach Hamburg locken sollte. Aber ich will den Mund mal nicht zu voll nehmen, vielleicht gibt es doch ein Plakat.
In Pinneberg betreibt MIOQ (dahinter verbirgt sich keine japanische Spanschachtelmanufaktur, sondern Marion Inge Otto-Quoos) die Kunstremise. Ein altes Gemäuer mit großzügigem Garten samt altem Pavillon und fast konstruktivistischem Baumhaus mitten in der Innenstadt. Zu Fuß in höchstens drei Minuten von überall aus zu erreichen. Dort arbeitet MIOQ an eigener Kunst und veranstaltet Projekte, für die sie Tür und Tor ihrer Kunstremise öffnet, die sie deshalb konsequent auch als Kunstpension bezeichnet bzw. führt und zur Verfügung stellt.

Seit letztem Wochenende hat sich in der Kunstremise, in der Kunstpension, in Haus und Garten der KUNST_AN_BAU breitgemacht, eine wunderbare kleine Schau mit zumeist minimalistischen auf die Gegebenheiten zugeschnittenen Werken. Für mich war der Zufallsfund des Kunst_AN_BAUs am letzten Samstag eine herausragende Entschädigung nach dem Besuch der Eröffnung der Regionalschau, bei der aufgrund der ungefähr fünfhundert Besucher mein Durchschnittsalter übrigens um mindestens 30 Jahre nach oben geschnellt ist.*

 

 

Karin Hilbers: „Postfaktisch – der Glanz ist ab“. Die Künstlerin präsentiert und erläutert den chemischen Vorgang, der den zunächst glanzpolierten Begriff Wahrheit in Rot- und Brauntönen vergehen lässt (bzw. aufgehen, wenn man so möchte) …

Nico Wolf: ohne Titel. Die Videoinstallation, die eine halbe Stunde lang einen sich auftürmenden Maulwürfshügel zeigt, geht der Frage nach, ob man einen Maulwurshügel als Skulptur betrachten kann. Nico Wolf konterkariert damit die allgemeine Ansicht von Gartenbesitzern, Maulwürfe wären so etwas wie Ungeziefer, weil sie die Ordnung stören. Die Projektion des Films auf den unebenen Feldsteinboden verleiht der Installation eine zusätzlich irreale Note.

 

Arne Lösekann: ohne Titel: „Das Baufeld ist eng gesteckt, Abstandsflächen (sind) nicht einzuhalten und Baulasten zu vermeiden. 1 qm vermaßter Raum ist ein Anfang, aber schon geht der Streit los. Wo soll weiter gemessen werden und in welchen Dimensionen? Ein Objekt setzt sich mit der Ungewissheit des rechten Winkels auseinander und fragt sich, ob wir am Ende nicht doch mit 2 Dimensionen auskommen.“ Ich hatte spontan ganz andere Gedanken, als ich diesem beinahe monumental abgezirkelten Quadratmeter begegnete: Ich dachte auch sofort an Streit, allerdings eher an Grenzstreitigkeiten, an kleinbürgerlichen Quatsch um ein paar Grundstückszentimeter, Nachbarn, die sich in die Haare kriegen und verachten, als hätte es die Jahrzehnte, die sie von einem kleinen Irrtum in der Vermessung oder Nutzung nicht wussten, nie gegeben …

 

Feine Menschen: „Kunstsamen“. Die Feinen Menschen fordern dazu auf, die Kunstsamen in die weite Welt hinaus zu tragen. Aus dem KunstkurOrt Pinneberg. Das nenn ich mal herrlich selbstbewusst und witzig. Die Kunstsamen bestehen übrigens aus Konfetti, und in einem einzelnen Konfetti kann man durchaus ein minimalistisches Kunstwerk sehen. Also: Schüttet mal Pinneberger Kunstsamen in Nachbars Garten, ihr werdet überrascht sein, wie blitzartig diese Saat aufgeht!

 

Für die teilnehmenden Künstler wurden im Garten Ausstellungsflächen abgesteckt. Dies ist die Fläche von Kirstin Petersen für ihr Werk „Spontan“. Ihre knappe Einlassung dazu lautet: „Wie es die Zeit erlaubt.“ Es steht nun völlig im Raum, ob Petersen keine Zeit hatte, spontan einen Beitrag zu leisten. Oder ob es die Ironie der Sache ist, dass sie eine ungenutze Fläche eben durch Nichtnutzung nutzt! (Hoffentlich kommt sie nicht auf Idee, doch noch einen Beitrag auf die Wiese zu stellen, denn das würde die geistreiche Installation aus Nichts – unabhängig davon, ob das überhaupt ihre Absicht war – zunichte machen).

 

Das Baumhaus im Garten der Kunstremise ist nicht Teil des KUNST_AN_BAUs. Man sollte trotzdem nicht achtlos daran vorbei gehen, denn es birgt eine feine Überraschung für Kunstfreunde …

 

Gagal: „Zu schön, um wahr zu sein: Taraxacum in neuem Kleid. Gagel staunt“ Der bunt bemalte und mit Glitter bestreute Löwenzahn, der sich im Eingangsbereich ausbreitet, lässt sich irgendwo zwischen Kitsch und streetart verorten. Mir gefällt an der Installation, dass durch diesen Eingriff die Sicht auf etwas so Unbedeutendes wie Löwenzahn, den die meisten Menschen für Unkraut halten und bei der Gelegenheit persönlichen Landbesitzes überall (insbesondere in direkter Nähe des Wohnhauses) ausreißen, völlig verändert wird.

Teilnehmende Künstler (und Autoren):

  • Karin Hilbers
  • Inken N. Woldsen
  • Brigitta Höppner
  • Hannah Rau
  • Birgit Bornemann
  • Anke Bromberg
  • Thomas Piesbergen
  • Arne Lösekann
  • Stilla Seis
  • Gagel
  • Niko Wolf
  • Adriana Steckhan
  • MIOQ
  • Kirsten Petersen
  • Karl Boyke
  • Feinen Menschen
  • Florian Huber
  • Rosa Tress

 

 

KUNST_AN_BAU
Atelier Kunstremise MIOQ | Fahltskamp 30 | 25421 Pinneberg
Sa 08.07. | So 09.07.
14:00 — 18:00 Uhr

 

MIOQ
Feine Menschen

 

*Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich habe nichts gegen alte Leute, die Kunst besuchen. Das ist allemal besser, als einäugig in der ersten Reihe vorm Fernseher zu hocken und sich von Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen vollschleimen zu lassen. Wenn ich allerdings mehr alten Menschen begegne als auf dem Sommerfest in der Seniorenresidenz bei Heinz, dann fällt mir das Dilemma ein, dass ich nicht einen einzigen 90jährigen kenne, der sich auf die letzten Tage noch n Bild (im besten Fall sogar: junge Kunst) für ein paar tausend Euro neben den Notrufknopf nagelt. Die halten ihr Erspartes zusammen, damit es fürs Alter reicht, zum Vererben also. Dabei muss man Kunst gar nicht kaufen, um den persönlichen Besitz zu mehren, man kann sie auch verschenken und notfalls sogar direkten Verwandten einen Gefallen tun, die sich das nicht leisten können oder zu geizig sind …

Hamburger Aufstand 2017: G20 in Plakaten und Protesten

Eröffnung Regionalschau / Drostei Pinneberg

Für gewöhnlich besuche ich keine Gruppenausstellungen, wenn ich selbst mit von der Partie bin. Mir geht die Eitelkeit der Kollegen nämlich auf den Sack, die sich nur für sich selbst interessieren und es auch nie müde werden, bei unpassendsten Gelegenheiten auf ihre Urheberschaft hinzuweisen, indem sie gleich ihr ganzes erbärmliches Leben referieren. Dazu verharren sie oft stundenlang am eigenen Werk und erschrecken jeden, der aus Versehen einen Blick darauf wirft, mit ihrer pathologischen Problemen: der Kunst. Meistens vielmehr dem, was sie dafür halten.

Besonders nervig bei solchen Eröffnungen sind die Reden. Viel zu viele davon von viel zu vielen Leuten, die ihre politische Dorfprominenz, ihre Vereins- oder Amtstätigkeit oder ihre großzügige Geldspende mit der Tatsache verwechseln Ahnung zu haben von dem, zu dem sie gebeten wurden, ihren Senf dazuzugeben. Ich war also schlau genug, mir die zumeist langatmigen, inhaltsleeren Worthülsen, in denen jeder und alles kontrastfrei hervorgehoben und gelobt wird, gar nicht erst anzutun.

Diese Beschwerden sind nun keine spezielle Kritik an der Regionalschau, es sind generelle Betrachtungen, anwendbar auf alle jemals abgehaltenen und in der Zukunft stattfindenden unspezifischen Gruppenausstellungen, die vom Charakter her eher an einen Flohmarkt erinnern als an eine Kunstschau.

Das Problem solcher GroßKunstschauen lässt sich nämlich ganz einfach auf den Punkt bringen: Ganz schön viel Buntmalscheisse, noch viel mehr Kunstartiges ohne jeden eigenständigen Wert, Zeugs das man bei einiger Kenntnis der modernen Kunstgeschichte entweder als reine Affinität zu irgendwem und irgendwas entlarvt oder längst von anderen Künstlern kennt. Nur besser und sogar mit Sinn und Verstand. Manchmal frage ich mich, weshalb da überhaupt kuratiert wurde oder ob das Kuratorium wieder total besoffen war, weil das Koks nicht für alle gereicht hat.

Schwamm drüber. In der Kunst hat es grundsätzlich gar keinen Sinn, sich ins weniger Gelungene zu versteigen. Man darf getrost darauf bauen, dass mittelmäßige Kunst ohnehin scheitert, es ist also unnötig sich konkret an einzelnem Mist hochzuziehen, um der Selbstüberschätzung ganz gezielt vor’s Schienbein zu treten. Nur das Gegenteil macht echt Sinn: Man muss sich auf das Herausragende konzentrieren, denn nur dies bereichert uns, unseren Geist und letztlich die Welt. Zum Glück gibt es bei aller berechtigter Kritik in jedem noch so fragwürdigen Sammelsurium von Exponaten immer auch Großartiges zu entdecken, und so hat auch die Regionalschau einiges Sehenswerte zu bieten.

Etwa die Mariage von Ursula Dietze: Ein Kleid aus Stacheldraht. (Mariage lässt sich zwar mit Hochzeit übersetzen, gemeint ist aber keine Heirat im eigentlichen Sinne, sondern eine Zusammenfügung. So verwendet man z.B. auch in der Antiquitätenrestauration den Begriff verheiratet, wenn etwa der Fuß des einen mit der Tischplatte eines ganz anderen Tischs zu einem hübsch verkäuflichen Möbel zusammengefügt wird.)

Dieses Kleid aus Stacheldraht möchte ich dieser Tage der Polizei in Hamburg als Uniform empfehlen, denn die Polizeiwannen auf den Straßen, die bewaffneten Polizisten, denen man unvermutet sonstwo begegnet, die nervigen Hubschrauberflüge vor allem des nachts und die unendlichen Kilometer an rasiermesserscharfem Natodraht, die in der Stadt an allen Ecken und Enden verbaut wurden, verdeutlichen gar nicht genug die Behauptung von Olaf Scholz (1. Bürgermeister im Polizeistaat HH), die meisten Hamburger würden von G20 praktisch nichts mitbekommen …
(Die Mariage ist übrigens mit 800 Euro recht günstig zu haben …)

Sehenswert ist übrigens auch der Ausstellungsort selbst: Die Drostei, ein freistehender beeindruckender Barockklotz aus rotem Backstein, zur Vorderseite öffnet sich die Innenstadt, an der Rückseite ein Park. Nur selten hat man die Gelegenheit, mitten in einer Stadt so ein Gebäude zu umrunden. Denn über die Jahrhunderte wurden auch Prachtbauten gerne architektonisch eingezwängt, wahrscheinlich, um durch direkte Nähe etwas von der Strahlkraft der Nachbarschaft zu stehlen. Die Drostei ist außerdem nicht kaputtsaniert, davon zeugen die herrlich knarrenden Stufen im hölzernen Treppenhaus. Allein das ist einen Besuch wert.

 

6. Regionalschau
Aktuelle Kunst norddeutscher und dänischer Künstler
01. Juli —06. August 2017

Vernissage: Samstag | 01. Juli 2017 | 16.30 Uhr
Eintritt frei

Mittwoch — Sonntag, 11 — 17 Uhr
Eintritt: € 3,- / € 1,50 Euro
Schüler zahlen nix

Die Drostei | Dingstätte 23 | 25421 Pinneberg
 
(Die Regionalschau wandert vom 19. August —  17. September
ins dänische Haderslev und wird dort aufgeteilt auf zwei Ausstellungen
im Kunstverein und im Rathaus gezeigt.)