Künstlerbücher für Alles

Ausstellung in der

Weserburg | Museum für moderne Kunst Bremen

Zentrum für Künstlerpublikationen


„Künstlerbücher gehören zu den besonderen Phänomenen der zeitgenössischen Kunst. Seit ihrer Entstehung in den 1950er Jahren haben sie sich weltweit als neue Kunstform etabliert. Künstlerbücher sind autonome Kunstwerke in Form eines Buches. Als Kunstwerke in einer größeren Auflage stehen sie gleichsam für eine Demokratisierung der Kunst sowie für künstlerische Mobilität und Vernetzung. Sie entstehen als publizierte, gedruckte und vervielfältigte eigenständige Kunstwerke aus einer künstlerischen Konzeption heraus und in der Tradition von Dieter Roth, Ilya Kabakov und Marcel Broodthaers in Europa, Ed Ruscha und Michael Snow in Nordamerika, Ulises Carríon, Clemente Padin und Edgardo Antonio Vigo in Lateinamerika, William Kentridge in Afrika, Yoko Ono in Asien und Robert Jacks in Australien.

Die Ausstellung möchte erstmals einen Überblick über die aktuelle Entwicklung und Verbreitung des Künstlerbuches geben und die Vielfältigkeit dieses Genres aufzeigen. Es werden Künstlerbücher gezeigt, die ca. in den letzten fünf Jahren international entstanden sind. Dazu lädt das Zentrum für Künstlerpublikationen mit einen „Call for Artists‘ Books“ Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt ein, sich mit einem Werk an der Ausstellung zum internationalen Künstlerbuch zu beteiligen. Unter dem Motto „Künstlerbücher für Alles  –  Artists‘ Books for Everything  –  Livre d’artiste pour tout“ können bis Ende April 2017 Künstlerbücher eingereicht werden, die in einer größeren Auflage, also nicht als Unikate oder in Kleinstauflage, entstanden sind und über den Buchhandel oder Galerien bzw. die Künstlerinnen und Künstler selbst vertrieben werden.

Ziel der Ausstellung ist es, Künstlerbücher aus Ländern aller Kontinente mit ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten, Charakteristiken, Themen und Motiven zu zeigen, und so einen repräsentativen Eindruck vom Status Quo des Künstlerbuches zu geben. Es geht aber auch darum, die Bedeutung und den Stellenwert des Künstlerbuches in der zeitgenössischen Kunst aufzuzeigen. Mit dem Call for Artists‘ Books sollen insbesondere auch Künstlerinnen und Künstler in den afrikanischen, asiatischen sowie mittel- und südamerikanischen Ländern angesprochen werden, deren Werke gerade in Europa häufig noch nicht bekannt sind, um ihre Werke mit ausstellen zu können.

Der Titel oder das Motto „Künstlerbücher für Alles“ oder „Artists Books for Everything“ bezieht sich auf den deutsch-schweizerischen Künstler Dieter Roth und seine „Zeitschrift für Alles“, für die er ebenso Künstlerinnen und Künstler eingeladen hatte, sich mit künstlerischen Beiträge zu beteiligen. Für die Ausstellung ist geplant die Künstlerbücher in einem Katalog darzustellen.

Die Ausstellung des Zentrums für Künstlerpublikationen ist ein Kooperationsprojekt mit der Universität Bremen.“ (Zentrum für Künstlerpubikationen, Bremen)


Folgende Künstler sind in der Ausstellung vertreten:

(Tim), Endre Aalrust,Reinhold Adt, Marco Agosta, Cristina de Almeida, Diana Mercedes Alonso, Laura Anastasio, Butak Andras, Søren Andreasen, Julia Appelt, Henning (exc.) Arend, Rozbeh Armani, Lina Avramidou, Seung Woo Back, Clara Bahlsen, Balamuc, Tiziana Baracchi, Matthias Beckmann, Sergio Belinchón, Jennifer Bennett, Matthias Berthold, Anastasia Bessarabova, Felix Bielmeier, Guy Bigland, Jessica Bizzoni, Blast, BLEK, Simon Blue, Sarah Bodman, Regine Bonke, Anne Doris Borgsen, Jean-Francois Bory, Madeleine Boschan, Peter Boué, Birgit Brandis, Martin Brandsma, Brandstifter, Vibe Bredahl, Lars Breuer, Marcia Breuer, Thorsten Brinkmann, Lothar Bührmann, Susanne Bürner, Armin Brito Cador, Nonkululeko Chabalala, Kyun-hwa Choi-ahoi, Claudia Christoffel, Angela B. Clement, Marisa Coneja, Martin Conrads, Matthias Conrady, Leone Contini, Jirka Pfahl,Till Cremer, Pál Csaba, Dadanautik, Antoine D’Agata, Irmgard Dahms, Maks Dannecker, Michael Danner, Salmo Dansa, Naomi Del Vecchio, David Dellafiora, Gianinna Delpino, Eva-Maria Offermann,Karin Demuth, Klaus Peter Dencker, Liza Dieckwisch, Anja Dietmann, Marcello Diotavelli, Veronika Dobers, Linda Rae Dornan, Reinhard Doubrawa, Chris Drange, Felix Dreesen, Alexis Dworsky, Jorn Ebner, Volker Eichelmann, Sibylle Eimermacher, Friedrich Einhoff, Iven Einszehn, Petter Eklund, Birte Endrejat, Jan Erbelding, Carl Johan Erikson, Mauro Espíndola, Andrea Esswein, Éts. Decoux, Johan (Ever Arts) Everaers, Jeannette Fabis, Jesper Fabricius, Alexander Fahima, Harald Falkenhagen, Anoka Faruqee, Melanie Feder, Jenny Feldmann, Mariska Fenner, Sabrina Fernandez, Helio Fervenza, Gundi Feyrer, Luc Fierens, Johannes Fiola, Gesa Foken, Manfred Förster, Moritz Frei, H.R. Fricker, Sabrina Fritsch, Nora Fuchs, Nieves de la Fuente Gutierrez, Andrés Galeano, Thomas Geiger, Yann Géraud, Damien Mazières,Patricio Gil Flood, Johanna Gilje, Anna Gille, Mathias Glas, Gloria Glitzer, Philipp Donald Göbel, Bruno Goosse, Dieter M. Gräf, Henriette Grahnert, Angela Grasser, Anna Grath, Malcolm Green, Ion Grigorescu, Uli Grohmann, Sabine Groschup, Gruppo Sinestetico, Philipp Gufler, Stefan Gunnesch, Karl-Friedrich Hacker, Michèle Haenni, Tilman Haffke, Roland Halbritter, Matthias Hamann, Kerstin Hehmann, Tanja Hehn, Ellen Heinemann, Manfred Heinze, Simon Hempel, Lisa Herfeldt, Sarah Hildebrand, Almut Hilf, Timo Hinze, Jan Hoeft, Anna Hoffmann, Kornelia Hoffmann, Marianne Holm Hansen, Manfred Holtfrerich, Christian Holtmann, Thomas Hombach, Nikolas Hönig, Sookyoung Huh, Bassel Ibrahim, Immigration Office, Constantin Jaxy, Michael Jochum, Sveinn Fannar Jóhannsson, Åse Eg Jørgensen, Yuki Jungesblut, Lucas Jaspar, Kalmus, Marina Kampka, Theresa Kampmeier, Katrin Kamrau, Maria Karpushina, Déirdre Kelly, Gudrun Kenschner, Hartmut Kiewert, Ilona Kiss, KLANK. MusikAktionEnsemble, Anneke Kleimann, Lennart Klein, Stefan Klein, Franziska Klose, Monika (Karo Blau) Knaack, Anatol Knotek, Simona Koch, Ingar Krauss, Sabine Küster, Lorraine Kwan, Paul Laidler, Carolin Lange, Gesa Lange, Björn Larsson, Simon Le Ruez, Helmut Lemke, Jelte van Lente, Jürgen Liefmann, Margarete Lindau, Pia Litzenberger, Ginny Lloyd, Jue Löffelholz, Imke Lohmann, Isolde Loock, Ricarda Löser, Leon Lothschütz, Sean Lowry, Axel Loytved, Malte Lück, Andrea Lühmann, Lilly Lulay, Alina Lupu, Sara Mackillop, Francis van Maele, Ruggero Maggi, Brigitte Mahlknecht, Victor Malsy, Gudrun von Maltzan, Sandra March, Margulis & Sagan, Benna G. Maris, Stefan Marx, Siya Masuku, Hanna Mattes, Reiner Maria Matysik, Eva May, Sara McLaren,Elizabeth McTernan, Patrizia Meinert, Dirk Meinzer, Nanne Meyer, Almut Middel, Hammann von Mier, Paula Miéville, Peter Miller, Miralda, Steffen Missmahl, Mitko Mitkov, Beate Mohr, Patrick Morarescu, Johnny Amore, Heinrich Obst, Ulrike Möschel, Jean-Luc Moulène, Peter Müller, Ute Müller, Myong-Hee KI, Lia Nalbantidou, Franziska Nast, Antoinette Nausikaä, Carlos Navarrete, Wawi Navarroza, Irina Neacsu, Sebastian Neubauer, Tabea Nixdorff, Lätitia Norkeit, Elia Núñez Barez, Eva Claudia Nuovia, Nick Oberthaler, Tobias Öchsele, Felix Oehmann, Ahlrich von Ohlen, Ghaku Okazaki, Franziska Opel, Csaba Pál, Gabor Palotai, Sue Pam-Grant, Ulrika Paul, Micha Payer, Martin Gabriel, Maria (Exotikdot) Paz, Paula Andrea Pedraza, Fion Pellacini, Christian Pellet, Kate Pelling, Daniel Ramon Persy, Tilman Peschel, Rodolphe Petit, Jörg Petri, Nina Petri, Burkhard Pfister, Heidi Pfohl, Michalis Pichler, Thomas Piekarski, Peter Piller, Patricia Pinheiro de Sousa, Eva von Platen, Jochen Plogsties, Holger Pohl, Jan Pötter, Tania Prill, Alberto Vieceli, Sebastian Cremers, Joan Rabascall, Josef Ramaseder, Hannah Rath, Antonia Rehnen, Lisa Rein, Anna Rosa Rupp, Tim Reinecke, Penard Remy, Ann Carolin Renninger, Sarah Rhys, Angelo Ricciardi, Jörg Riechardt, Tina Rietzschel, Michael H. Rohde, Aaron Romine, Edo Rosenblith, Anna Rosa Rupp, Matthias Ruthenberg, Barbara Šalamoun, Fritz Sauter, Jenny Schäfer, Martina Schall, Matthias Schamp, Antje Schaper, Paul Altmann, Nora Schattauer, Maxi Scheller, Marvin Systermans, Anja Schlamann, Uwe Schloen, Anne Schlöpke, Doris Schmid, Claudia Schmitz, Salome Schmuki, Kim Schoen, Natalia Schul, Annie Schulze, Inga Danysz, Max Schulze, Petra Schulze-Wollgast, Anne Schwalbe, Roberto Seala, Vera Sebert, Martin Seck, Tilman Peschel, Anija Seedler, Elfie Seidel, Maria Seitz, Dasha Shishkin, Gabriel Sierra, Nina Sieverding, Buhlungu Simnikiwe, Angelika Sinn, Barbara Rosengarth, Myne Søe-Pedersen, Heidi Specker, Buzz Spector, Diana Sprenger, Euan Williams, Stephen Spurrier, Julius Stahl, Christiane Stegat, Gabi Steinhauser, Angela Stiegler, Karl-Johan Stigmark, Maxwell Stolkin, Josef Strau, Ana, Streng, Lisan Strüver, Bo Su, Rod Summers, Survival Kit, Stephan Takkides, Amanda Teixeira, Ralf Tekaat, Tillmann Terbuyken, Beate Terfloth, Anja Teske, Hans-Ulrich Theilkäs, Stephan Thierback, Jan van der Til, Barbro Maria Tiller, Timotheus Tomicek, Claudia de la Torre, Piet Trantel, Barbara Camilla Tucholski, Anne Vagt, Aymeric Vergnon-d’Alancon, Lucas Vertel, Frederic Vincent, Julius Voigt, Konstantin Voit, Marianne Vordermayr, Eva Weber, Heidemarie von Wedel, Michael Weisser, Corinne Welch, Käthe Wenzel, Nicole Wermers, Thilo Westermann, Antonia Wetzel, Janika Naja Wetzig, Paul Wiersbinski, Johannes Wilke, Gosia Wlodarczak, Ruth Wolf-Rehfeldt, Seçil Yersel, Mario Ziegenbalg, Rahel Zoller, Maren Zombik, Benjamin Zuber

 

Künstlerbücher für Alles
03. Juni – 06. August 2017
Eröffnung | 02. Juni | 19:00 Uhr

Zentrum für Künstlerpublikationen 
Weserburg | Museum für moderne Kunst
Teerhof 20 | 28199 Bremen

Di – So | 11:00 – 18:00 Uhr
Do | 11:00 – 20:00 Uhr
(Mo geschlossen)
Erwachsene € 8,- / € 5,- 
Familien € 14,-

facebook
Advertisements

Ausstellung im Rahmen der documenta 14

Geldstrom — Kunstfluss

Die Kunst wird gerne über Höchstpreise wahrgenommen, bzw. nehmen sich Medien der Kunst insbesondere dann an, wenn auf Auktionen horrende Summen hingeblättert werden. Die Gleichsetzung von Geld und Bedeutung beinhaltet einen Trugschluss, der nichts über die Lebens- und Bedeutungswirklichkeiten der Künstler und der Kunst aussagt. Vincent Van Gogh ist einer der berühmtesten Künstler der Welt, hat zu Lebzeiten aber offiziell nur zwei Gemälde verkauft. (Über)leben konnte Van Gogh nur, weil sein Bruder Theo ihn fürsorglich gefördert, zu Hause massenhaft seiner Werke angehäuft hat …
Im Spannungsfeld von Geld und Kunst strampeln sich Künstler nicht nur in der Regel über Jahrzehnte ab, ehe sie endlich den verdienten und damit auch bezahlten Platz erlangen, der ihnen zusteht. Gerade dann, wenn es finanziell endlich gut läuft, wird ihnen promt vorgehalten, sie seien plötzlich kommerziell. Der Begriff kommerziell wird ohnehin permant falsch verstanden und mit kapitalistisch verwechselt. Denn Kommerz ist nichts anderes als Handel, sagt also nichts aus über die Wertigkeit des Aktes: Kommerz findet nicht nur beim Kaufen und Verkaufen statt, sondern auch bei jeder Form von bezahlter Arbeit. Eine Kassiererin, die bei Aldi ihre Schicht in die Kasse haut, tut dies aus rein kommerziellem Antrieb – ein Vorwurf wird ihr daraus niemals erhoben. Auch dem Blumenhändler nicht, der hundert gleichartige Gebinde Tulpen anbietet. Einem Künstler mit dreißig Abzügen eines Siebdrucks aber schon!
Für Künstler sind vielfältige Ungeheuerlichkeiten an der Tagesordnung. Selbst arrivierte Künstler, hochpreisig am Markt, verkaufen manchmal jahrelang gar nichts und dürfen sich dann mit Finanzämtern herumschlagen, die Lebensleistungen ignorieren und geringschätzend Hobbytätigkeiten unterstellen. Für Künstler sind Ausstellungen in Museen unerlässlich, denn insbesondere an diesen Orten erlangen sie Bedeutung – zu dem Preis allerdings, dass dies keine Galerien sind, die Kunst dort also nicht zum Verkauf steht. Oft bringen die Künstler die Transportkosten hierfür selbst auf, sie bezahlen also dafür, dass sie Anerkennung erhalten, von der sie weder Mieten bezahlen noch Arbeitsmaterialen einkaufen können, geschweige denn etwas zu essen oder sich gar einen Urlaub nach jahrelanger Ackerei leisten. Fast alle Künstler behaupten, sie könnten von ihrer Kunst prima leben, und die meisten von ihnen lügen. Sie tun es nicht aus eitler Böswilligkeit, es ist eine Überlebensstragie, die ihnen ihren mühselig erarbeiteten Ruf sichern soll. Denn wer nichts oder zuwenig verkauft, muss sich vorwerfen lassen, nicht gut genug zu sein, mit seinem Schaffen am falschen Platz, mit der falschen Strategie, mit idiotischen Vorstellungen oder es in welcher Art auch immer nicht drauf zu haben. Da gibt es die vielfältigsten Behelfsunterstellungen, die inhaltlich gar keinen Wert haben und meistens nicht einmal Sinn, weil die Kunst hier offenbar mit irgendeiner x-beliebigen Ware oder Dienstleistung verwechselt wird. Weil ignoriert wird, dass es in der Kunst vorrangig um eines geht: Um Qualität.
Das Thema Kunst & Geld ist ein weites Feld, und diese kleinen Anmerkungen sollen hier als Denkansätze genügen.
Iven Einszehn: „Einsamer Protest“
Treibholz, genäht, bestickt, lasiert
ca. H 80 x B 49 x T 6 cm
Die Weltkunstmesse documenta darf man getrost als Perversion des Kunstbetriebs bezeichnen. Hier werden alle vier Jahre die millionenschweren Eckpfosten ins Fundament der kapitalistischen Kunstverwertung gerammt. Ein guter Zeitpunkt, um mit kritischem und distanziertem Blick auf das Phänomen „Geldstrom – Kunstfluss“ zu blicken. Die kuratierte Aussstellung im Rahmen der documenta 14 wird vom und im Anthroposophischen Zentrum Kassel veranstaltet. Der Eintritt ist frei.

Teilnehmende Künstler:
Erika Bialowons, Hamburg
Iven Einszehn, Hamburg
Hans-Otto Fentrop, Loheland, Künzell
Melanie Giljum, Weimar
Sabine Harton, Gleichen (Göttingen)
Titus Grall, Borchen
Katharina Grote Lambers, Hofgeismar
GP Linientreu, Berlin
Susana Nevado, Madrid
Christa Niestrath, Detmold
Charly Rüther, Kassel
Birgit Schiemann, Berlin
Eva Vilemina Urbank, Eschwege
Michael Wagner, Heidelberg

 

 

Geldstrom - Kunstfluss
14.05.2017 - 26.06.2017

Anthroposophisches Zentrum Kassel
Wilhelmshöher Allee 261
34131 Kassel

Eröffnung: So, 14. Mai 2017, 11.30 Uhr 
Einführung: Dr. Ellen Markgraf
Zum Thema:
Di | 27.06.2017 | 20:00 Uhr
Vortrag: Wirtschaftliche und ideelle Betrachtungen
Dr. Gerhard Richter, Kassel
€ 8,- / € 5,-

Irgendviewas mit Dan1e1 Iveneev

Eine Sache, die an anderer Stelle niemals erörtert werden wird: Irgendviewas ist ein Remix aus Interview und irgendwas. Daraus leitet sich ab, dass Dan1e1 Iveneev ein Namenmix aus Daniel Ableev und Iven Einszehn ist. Denn wir sind der Thermomix der KunstLiteratur, der Kliterunst.

Die Kunst erfordert manchmal Manches. Die Kunst ist oft eine Last. Lästig wird sie aber erst bei mancher Belästigung. Im Irgendviewas könnt ihr sehen, wie wir uns der Sache entledigen bedienen.

Kleiner Tip für Kulturanthropologen: Wir machen das auf unsere Art. Weil wir es können.

Frisch abgelagert in der Zentrale für Experimentelles.

snapshot-novelle-wtf
snapshot: novelle.wtf
irgendviewas-seite001-rahmen-ausschnitt-web

irgendviewas mit Dan1e1 Iveneev

 

MS Artville 2016

Mit der schlichten Aufforderung Kunstgucken lädt das Musik- und Kunstfestival MS Dockville zu kostenlosen Sonntagspaziergängen übers Gelände nach Wilhelmsburg. Während es musikalisch und bandmäßig erst ab 18. August ein Wochenende lang ordentlich zur Sache geht, ist die Kunst längst schon da. Für MS Artville arbeiten eine Handvoll Künstler im Vorfeld einige Wochen auf dem Gelände — oder sie hängen einfach ihre Bilder in die bereitgestellten Ausstellungskuben.

Ohne das Dekorationselement Kunst, allem voran allen Facetten der Streetart und Urbanart, des Upcyclings und trashiger Auswüchse im Kunstgebrauch wagen sich seit etlichen Jahren Musikfestivals europaweit nicht mehr aus den Startlöchern. Und so ist auch das Dockville-Gelände über die Jahre zu einem KunterKunstGefrickel aus Dauerinstallationen und skulpturalen Baracken geronnen.

Meistens werden die Künstler auf Musikfestivals missbraucht, indem ihre überbordende Kreativität unentgeltlich ausgenutzt wird: Während von keiner Band erwartet wird, kostenlos aufzutreten, „dürfen“ Künstler sich geschmeichelt fühlen, zur Präsentation ihrer Werke ausgewählt worden zu sein. Ausstellungshonorare werden jedenfalls nie gezahlt, trotz zahlender Gäste, die Eintritt abdrücken für ein Musik- und Kunst(!)festival. (Dass manchmal Aufwandsentschädigungen für Reise- und Materialkosten erstattet werden, ist nebensächlich, denn aktive Honorarleistungen werden in der Regel nicht erbracht.)

MS Dockville versteht es immerhin, die Kunst zu einem gleichrangigen Bestandteil des Gesamtereignisses zu erheben. So opulent wie in manchen vorherigen Jahren ist es diesmal allerdings nicht gelungen. Das gesetzte Thema „Eine real-utopische Geisterstadt“ wurde grandios verfehlt, trotz grandioser Kunst, die es hier und da zu entdecken gibt. Eine Geisterstadt gibt es jedenfalls nicht zu entdecken, dafür hier und da krampfhaft aufs Thema hingewixte Laberei; oder sogar gegenteilige Grundsatzbekenntnisse. Dafür zwei Beispiele, nämlich AIN und Plotbot Ken.

AIN

Der Galeriewürfel von AIN hat es mir echt angetan, denn die Künstlerin hat ihn in eine wahre Kunstexplosion verwandelt. Das utopische pseudo-philosophische Geschwafel auf der Erklärtafel ist in ihren Werken allerdings nicht zu entdecken, hier und da mal etwas Totenkopfartiges reinzumixen, genügt da nicht. Besonders tragisch wird es sogar, wenn ich von einem „interaktiven Dialog zwischen Künstlerin und Besucher“ lesen muss. Na, das is ja toll. Falls AIN sich das ernsthaft als Aufgabe und/oder Forderung gesetzt haben sollte, ist dem Mädchen leider entgangen, dass jede Betrachtung eines x-beliebigen Kunstwerkes grundsätzlich einen Dialog mit dem Betrachter darstellt. So geht Kunst nämlich. Meiner Begeisterung für ihre Arbeit tut dieser naive Quatsch aber keinen Abbruch. Ich bin ja selbst Schuld, dass ich immer alles lese und sogar drüber nachdenke. Als Illustratorin hat AIN einen perfekten Blick auf und für den Mix dekorativer und kompositorischer Elemente, die zwar keine Aussage transportieren, dafür aber eine geballte Ladung künstlerischer Kraft. Denn: Komposition ist alles!

Die einzelnen Bildelemente für sich genommen verlieren leider etwas von der Ausdruckskraft, die sich erst im Gesamteindruck ergibt …

… deshalb: Hingehen. Angucken!

AIN-01-web AIN-03-web AIN-04-web AIN-05-web AIN-07-webAIN-09-web AIN-13-web

Plotbot Ken

Plotbot Ken hat einen seiner typischen Gasmaskenmänner als Mural auf Dockville verewigt. Maßgeblich kritisieren und prangern die Werke Plotbot Kens gar nicht an, deswegen malt er beständig Gasmasken, Totenköpfe, Raben, Ungeziefer. Die Werke üben sich in Bescheidenheit, sie sollen lediglich zum Nachdenken anregen und als gesellschaftlicher Spiegel fungieren. Aha. Nachdenken: ja, Kritik: nein. Gesellschaftlicher Spiegel — in Form einer Gasmaske? Wenn mir das etwas sagen soll, spiegeln geradezu, aber nichts kritisieren, dann habe ich mit meiner Birne ein schweres Problem. Wahrscheinlich denke ich wieder zuviel, immerhin heißt das Mural „5 Jahre Fukushima“.

Sei es drum: So sind explodierende Kernkraftwerke dann eben Aspekte der Menschheitsgeschichte, denen man einfach mal ganz unkritisch begegnet darf …

Plotbot-Ken-5_Jahre_Fukushima_01-web Plotbot-Ken-5_Jahre_Fukushima_03-web

Zum Schluss drei Lieblingshinweise:

Thomas Dambo aus Dänemark, bekannt für seine riesigen Holzskulpturen, war vor Ort und hat aus Altholz einen prächtigen Kopf um eine Birke gezimmert, welche der Skulptur wie Unkraut aus dem Schädel wuchert.

Thomas_Dambo-02-web Thomas_Dambo-04-web Thomas_Dambo-06-web

Darko Caramellos Installation Transforming Mash ist ein echter Geniestreich. Die Installation (seit 2014 entwickelt) lungert wie ein achtlos entsorgter Haufen Müll in einem Gebüsch, bedrängt von einem viel zu dicht herangestellten Zelt, welches einem mit seinen Halteleinen den Weg zerstolpern möchte. Das inhaltsverweisende Schild schadet dem Werk hier fast schon, weil es die Dimension der Irritation, welche die Installation auszulösen vermag, doch extrem beschneidet. Ich würde mich mit dem Werk jedenfalls ohne Erklärbär, vollkommen allein gelassen mit ihm und mir, viel wohler fühlen …

Darko-Caramello-Transforming_Mash-08-web Darko-Caramello-Transforming_Mash-09-web Darko-Caramello-Transforming_Mash-12-webDarko-Caramello-Transforming_Mash-06-web Darko-Caramello-Transforming_Mash-05-web

Und im Ausstellungskubus des Syrers Mehyar, der seit einem Jahr in Hamburg lebt, hat sich „Mona L.“ versteckt, eine gelungene Picasso-Variation:

Mehyar-02-Mona_L-web

Kunstgucken, letzte (kostenlose) Gelegenheit:
MS Artville, Alte Schleuse 23
Burgfest (mit Kunst-Flohmarkt)
Sa, 13. August, 13-18 Uhr

MS Dockville

 

 

 

 

 

Triptychon soll heißen

Es ist so: Ein Kunstwerk hat einen Titel. Oder nicht. Das ist dann hilfreich. Oder nicht. Titel können ein Werk benennen, sie können es erläutern oder erweitern und so zum Verständnis beitragen. Oder absichtsvoll Gegenteile bewirken, in die Irre führen und verschleiern. Titel können wichtig oder unwichtig sein. Mancher Künstler titelt konsequent gar nicht, andere Künstler titeln ausschließlich kryptisch, was praktisch ein- und dasselbe ist.

Viele Künstler machen es hingegen in vollverblödeter Eitelkeit. Da kommt dann sowas raus, wie „Sonnenblume vor Herbstlandschaft“, „Stehender Halbakt am Klavier lehnend im Schlagschatten“ oder noch üblere Scheiße. Solche Titel sind gar keine, es sind Bildbeschreibungen. Pseudotitel wurden ursprünglich vor ein paar hundert Jahren von Sammlern, Archivaren und Kauzen erfunden, um die zusammen gerafften Fluten in Museen und Sammlungen ordentlich ablegen und wiederfinden zu können. Wenn der ganze titellose Kram unter o.T. in den Karteikästen lungert, blickt man nicht mehr durch. Also wurde er alphabetisch sortiert, mit Hilfe von Worten und Erläuterungen, die dann auf die Kärtchen neben den Bildern in den Museen und Sammlungen gewandert sind. Dort hat die Blumentopftitelei ihren Ursprung – und Sinn.

Wer heute so titelt, hält sich entweder für einen verkannten Meister, wähnt sich bereits im Museum oder hat sonst irgend ne Vollschramme weg. Genau dort findet man auch den beliebten Schwachsinn, „Ohne Titel“ zu titeln. Wenn einem kein Titel einfällt, dann hat ein Bild halt keinen Titel. Es heißt dann nicht „Ohne Titel“, es ist dann einfach ohne Titel. Weil diese Info so wichtig ist, wie die Konfektionsgröße von Omas in Sagrotan getunkter Unterwäsche, wird sie gekürzt: o.T.

Es ist ein weites Feld mit den Titeln. Ich stecke bis zum Hals in der Kunst, über solche Dinge nachzudenken, führt bei mir fast automatisch zu einer Auseinandersetzung, die das rein Geistige übersteigt – und im Geistreichen fassbar macht. Unfassbar fassbar, in Form von Kunst. Ein Ergebnis ist

„Das Bild, das montags Dienstag heißt“. 

Iven Einszehn: „Das Bild, das montags Dienstag heisst“
Acryllack, Ausziehtusche, Ritzungen, Lack auf Leinwand
70 x 70 cm

 

Ein Bild ohne Bild. Es ist geschriebenmalt. Ein Schriftbild. Ein Bild, das lediglich aus seinem Titel besteht. Und den fett adrett in die Gegend hält. Ist das selbstbewusst oder dreist, von dem Bild, von dem Titel, von dem Titelbild, von dem – ja was denn nun?!

Man sollte sich an der Forderung des Titels ruhig einmal versuchen: Wenn „Das Bild, das montags Dienstag heißt“ am Montag „Dienstag“ heißt, ist der eigentliche Titel dann in Wahrheit falsch, und wie sollte das denn gehen? Das Bild kann ja nur entweder am Montag „Dienstag“ heißen, dann heißt das Bild gleichzeitig montags aber nie „Das Bild, das montags Dienstag heißt“, obwohl dies und nichts anderes draufsteht. Hat das Bild demnach nur montags einen Titel, alle anderen Tage keinen? Oder heißt es alle anderen Tage „Das Bild, das montags Dienstag heißt“? Oder gilt der eigentliche Titel jeden Tag, unabhängig davon, in welcher Art er angewendet werden soll. Darf man den Dienstag also ignorieren? Überhaupt: Wieso und wieso sollte ein Bild überhaupt ausgerechnet „Dienstag“ heißen! Da steckt doch irgendwas dahinter!

So einfach schwierig, wie sich das erörtern lässt, ist die Sache in Wahrheit nicht. Denn der Titel ist eben ­mehr als das, was er vorgibt zu sein: nämlich ein Titel. Er ist eine Handlungsanweisung. Ein Befehl geradezu. Wenn man den befolgt, kann man das Bild nur an Montagen einwandfrei benennen. Alles andere an allen anderen Tagen wäre allenfalls so etwas wie ein kunstgeschichtliches Zitat. Denn die Kunstgeschichte dieses Bildes beginnt exakt in dem Augenblick, wo man sich daran die Hirnwindungen verdreht.

Ich bin echt zufrieden mit dem Ding, aber das habt ihr eh geahnt. Der Titel selbst, der üblicherweise eher eine Dreingabe ist zur Kunst, erhebt sich hier zur Kunst. Da geht noch einiges.

Neben der mit „Das Bild, das montags Dienstag heißt“ vorgeführten voll vorsätzlichen Verkomplizierung von Titeln, gibt es mit Titeln ein Problem von vordergründig recht schlichter Natur:

Es gibt Werke, die benötigen einfach keinen Titel, der Künstler weiß das, und es kümmert ihn nicht, nicht in der Weise, da würde was fehlen oder so. Andere Werke brauchen hingegen ganz dringend einen Titel, fast egal welchen, ohne Titel sind sie bedeutungslos. Wenn ein Künstler genauso ein Werk geschaffen hat, aber ihm fällt nichts ein, dann hat er ein Problem.

Das ist mein Problem mit dem Triptychon. Wochenlang will ein Titel durchbrechen in mir, aber er schafft es nicht. Er nervt nur beständig mit dem Gefühl an eine Gewissheit, die ich nicht zu fassen kriege. Ich hätte das Ding einfach „Mai-Triptychon“ nennen können, denn im Mai habe ich es beendet. Die Sache wäre erledigt gewesen, und niemand hätte sich dran gestört. Es ist aber nicht bloß das „Mai-Triptychon“.

Deshalb habe ich mich umgefragt, was andere im Triptychon sehen und um Titelungen gebeten. Ich habe mit gar nicht viel gerechnet und wurde reichlich beschenkt: Mit Titeln, die so naheliegend sind, aber mir nie in fünf Jahren nicht in den Sinn gekommen wären, mit Titeln von so abseitiger Korrektheit, dass ich neidisch werde vor solchem Einfall.

Es ging mir in Wahrheit nicht bloß um einen Titel, sondern um eine Erweiterung. Nachdem ich das „Dienstagsbild“

Also halt mal!

Ist es überhaupt zulässig, in dieser Form darüber zu reden! In vollkommener Vernachlässigung seines Wertes, der allein im Titel und dem komplizierten Umgang damit besteht! Ich habe nie ein „Dienstagsbild“ geschaffen. „Dienstagsbild“ ist ein Spitzname, ähnlich wie „Mona Lisa“ oder Holland. Eine pure Frechheit ist das, eine grobe Geringschätzung. Eine derartige Verhöhnung meiner Leistung werde ich mir nicht gefallen lassen, nicht einmal von mir selbst!

In Wahrheit hatte ich eine weitere Titelspielerei vor, indem ich einem Werk für jeden Wochentag einen anderen Titel verpasse, sodass ein- und dasselbe Werk an jedem Wochentag eine andere Deutung produziert. Mich reizt, dass das nicht stimmen kann. Ein Bild ist nämlich nicht Sieben. Ein Bild ist ein Bild.

Das Triptychon hat deshalb Montags- bis Sonntagstitel. Hängt es irgendwann in einer Ausstellung oder gar im Museum, muss jeden Tag das Kärtchen von der Wand gekratzt und ersetzt werden. Stattdessen eine bequeme Liste hinzuhängen, wäre eine faule Sache, ein Eingriff ins Werk, eine Verfälschung, eine Urheberrechtsverletzung. Ich habe das Werk so nicht geschaffen, nicht mit einer Liste als Titel. Auch das reizt mich.

Morgen ist Montag. Morgen veröffentliche ich das Triptychon und seinen Montagstitel. Und ich stelle euch den Titelstifter gebührend vor …

Morphologische Platte

In Bezug auf die Kunst fehlen manchem manchmal nicht bloß die Worte – es fehlen sogar welche, auch wenn sie manchmal sehr naheliegend sind und hilfreich wären, eine Technik (bzw. einen kunsttechnischen Sachverhalt) exakt zu benennen.

So gibt es für ein zweiteiliges Werk zwar den Begriff Diptychon und für ein dreiteiliges Triptychon, zu einem vierteiligen Werk hingegen hat die Kunstgeschichte nichts Fachliches zu sagen: Obwohl seit Jahrhunderten so gern die vier Jahreszeiten gemalt werden, ist das Quadrichon unbekannt.

Das Gegenstück zur Collage ist die Decollage. Hier wird also nicht aufeinander geklebt, sondern aufeinander Geklebtes abgetragen.

Für die dreidimensionale Collage, die Materialcollage, benutzen wir den Begriff Assemblage. Trägt ein Künstler im Dreidimensionalen aber Material ab, steht ihm die Deassemblage als Einordnung nicht zur Verfügung.

Er hat dann bloß ein Relief – obwohl das falsch ist.

Aber sowas von.

Ein Relief wird nämlich aufgebaut, selbst dann, wenn der Aufbau im Abtragen von Material besteht. Ein Relief ist eine grundsätzlich konstruktive Sache, die „Morphologische Platte“ ist das Gegenteil, sie ist dekonstruktiv, höchstens ein Antirelief (eigentlich auch ein hübsches Wort*):

Iven Einszehn: "Morphologische Platte"
Deassemblage
Acryllack und Graphitpolitur auf Sperrholz
H 49,5 x B 38,5 cm

 

(*Leider könnte das Antirelief genauso gut für eine negativ geschnittene Form stehen, weshalb ich dieses Wort sofort nach seiner Erfindung wegen Missverständlichkeit wieder abschaffe.)

 

Blumen 1

Iven Einszehn: „Blumen 1“
Ausziehtusche, Collés von Faltungen, Ritzungen, Streetink und Lackstift
auf Leinwand / H 70 x B 50 cm

 


 

Neu: Iven auf Twitter


Warnung:

Der Kauf dieses Buches wird mit Lesen nicht unter 114 Seiten bestraft!

Elke-cover-vorn

Erhältlich bei Amazon für € 6,01

Architektur heute I

Erdbebensicheres Gartenhaus im Auftrag des Fürstentums Thurn und Taxis

Iven_Einszehn-Erdbebensicheres_Gartennhaus
Schnackselzismus: Gartenhaus von Hadi Teherani, Thurn und Taxis / Pakistan

Um den Entwurf eines erdbebensicheren Gartenhauses für den Vorgarten in den pakistanischen Provinzen des Fürstentums Thurn und Taxis gebeten, ersann der Hamburger Stararchitekt Hadi Teherani einen bahnbrechenden Entwurf, der sich wahlweise im Kontext mit dem diesjährigen 100sten Geburtstag des Dadaismus oder mit den islamistischen Terroranschlägen in Paris zu betrachten lohnt. Oder beidem, was die herausragende zeitgenössische Note des Bauwerks doppelt, im Überschwang der Moderne möchte man fast betonen: dreifach (aber das wäre eine unzulässige Übertreibung), unterstreicht.

Die Gleichzeitigkeit von Rückgriffen auf die Geschichte der Bildendenden Kunst und die Mahnung an vorangegangene bzw. die Vorwegnahme von künftigen Ereignissen wird in der Gestaltung urbaner Lebensräume bisher nur wenig berücksichtigt, findet aber immer mehr Anhänger – besonders an Schlüsselbunden und Weihnachtsbäumen.

Man kann die Sache aber auch rein architektonisch nehmen, dann erkennt man in Teheranis Arbeit ein Haus. Die Idee zum Entwurf kam Teherani nach einer durchzechten Nacht in einem iranischen Behelfsbordell, untergebracht in einem konspirativen anthroposophischen Kindergarten des Goetheinstituts. Die Adresse kann im Bundeskanzleramt erfragt werden, Telefon: 030/182722720 (nicht abhörsicher).

Mit der Gestaltung des Gartenhauses wagt sich Teherani an eine bildgewaltige Symbiose aus schädelspaltenden Kopfschmerzen, in denen man die alptraumartige Bedrohung durch den Erzkonkurrenten Frank O. Gehry ahnt und der in esoterischen Kreisen in Mode gekommenen Unart, fernab der Kinderprostitution in Thailand avantgardistische Urlaube in frischen Erdbebengebieten zu verbringen, um nach der Spende alter Decken mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt zu werden.

Die fast malerische Umsetzung der gesetzten Themen Kopfschmerz und Erdbeben, die Leni Riefenstahl kaum besser gelungen wäre, hätte man sie nur rechtzeitig ins Vertrauen gezogen und mit dieser Aufgabe betraut*, ist dem Stararchitekten auf kongeniale Weise gelungen und führte geradewegs zu einer neuen Schule des Bauens, die in Fachkreisen bis hinauf nach Dänemark unter Alcoholismquake (Verkürzung aus alcoholism und earthquake, Anm. d. Red.) firmiert.

In der englischen Boulevardpresse hat sich jedoch längst der Euphemismus Taxisism durchgesetzt. Zur Ehre der iranischen Nutten und zur ewigen Erinnerung an den verbalen Ausfluss früherer öffentlichkeitsgeiler Jahre der orthodox-katholischen Fürstin Gloria zu Thurn und Taxis schlagen wir jedoch den treffenderen Begriff Schnackselzismus für den neuen Baustil vor. Gerade Gartenhäuser stehen in adeligen Kreisen immer schon in der Tradition von Lustgrotten, und über AIDS spricht man in diesen eigenen Kreisen gar nicht. Der Adel hat höchstens Krebs, wenn überhaupt, jedenfalls nichts Ansteckendes, das bleibt dem Volk vorbehalten, infektiöse Pest, das.

(Nachtrag: Die Inneneinrichtung wird echt fett, denn Tine Wittler wurde damit beauftragt. Sie hat sofort sämtliche IKEA-Filialen in der Umgebung geplündert, Deko im Brigitte-Bastelstil zusammengepfuscht, eine Arbeitspause bei Mc Donalds, Burger-King, KFC und Pizza-Hut eingelegt, bei RTL angerufen, BILD ein Exklusivinterview versprochen, ein Buch geschrieben, eine CD produziert, vier Kneipen eröffnet, sich fürs Dschungelcamp, Promi Big Brother, Das Perfekte Dinner, Shopping Queen und Raus aus den Schulden empfohlen und eine neue Modelinie auf den Markt geworfen, kompatibel zu den Angeboten auf klebefieber.de. Außerdem plant Wittler die Vermarktung einer farblosen Farbe für Kinder, Behinderte, Rentner und Ausländer und deren Angehörige sowie Helfershelfer und die Herausgabe zweckfreier lichtechter bunter Zettel in limitierter Auflage, dafür aber in Übergrößen, die man je nach Empfindung hinlegen kann, wo man möchte und die jedes herkömmliche Blatt Papier blass aussehen lassen, sogar kariertes. Und ausgerechnet das ist Teheranis Lieblingsfarbe!)
* (Riefenstahl war zeitlebens total neidisch auf Arno Breker, wie archäologische Sprengungen am Olympiastadion Berlin und die Gravur auf einer in die USA deportierten V2-Rakete belegen. Anm. d. Red.)

 

Neu: Iven auf Twitter

Neues Buch: Es geht auch ohne Elke, Elke

Elke-cover-vorn

  • Taschenbuch: 114 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent; 3. Auflage
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1517683475
  • ISBN-13: 978-1517683474
  • € 6,01

Erhältlich bei Amazon

 

Die Welt ist 100 Jahre DADA

Morgen in junge Welt:

snapshot-jungeWelt
snapshot junge Welt v. 17.12.2015

 

#############################################################################################################

Die Welt ist seit 100 Jahren DADA

Zum 100. Geburtstag von DADA schenkt das Kunsthaus Stade Hannah Höch eine Werkschau
Hannah_Hoech-01-65-pro
(c) Iven Einszehn „Hannah Höch DADA“
(Weiterentwicklung: Sieht aus, wie eine Collage, ist aber eine KeineCollage: Das Collé einer Faltung / cutout und Bleistift auf Karton.)

Stade ist ein seltsamer Ort. Eine legolandartige Kleinstadt, in der die adrett zurechtgemachten Fachwerkhäuser, eins hübscher als das andere, jeden Tag gezählt werden. Mancher Rentner, der durch die hermetisch zugepflasterte Innenstadt von Stade stolpert und sich am pittoresken Postkartenambiente der lackierten Fassaden ergötzt, wird einen Menschen wie mich, der dieses Ambiente abstoßend findet, kaum verstehen. In seiner vollkommenen Schönheit ist Stade auf perfide Weise potthässlich. Diese geleckte Welt kommt nämlich ohne Spuren lebender Menschen daher. Auch am hundertsten Häuschen ist nichts Individuelles auszumachen, so als wäre es der Bevölkerung per Stadtverordnung verboten, Gedöns ans Haus zu nageln, Blumentöpfe oder Figürchen vors Haus zu stellen, gar kleine Vorgärten anzulegen. Entfernt man die zufälligen Passanten von den Straßen, ist alles Lebendige ausradiert. Man muss lange suchen, um irgendwo ein abgestelltes Fahrrad zu entdecken, noch länger für einen Aufkleber an einem Laternenpfahl oder gar einen Blumenkasten vor einem Fenster. Stade ist die vollkommene Künstlichkeit, die Imitation der Idealstadt. Ausgerechnet hier, in der aseptischen Provinz, in der man allenfalls die jährliche Präsentation der Bewohnerklone erwarten dürfte, wird der 100. Geburtstag von DADA eingeläutet.

DADA betrat am 05. Februar 1916 in Zürich mit einem Paukenschlag die Welt, eroberte im Handstreich Europa und schaffte über Paris, Berlin, Hannover und Köln in Windeseile den Sprung über den großen Teich nach New York.  Man darf die DADA-Bewegung guten Gewissens als Initialzündung der modernen Kunst bezeichnen. DADA brach mit allem, was üblich und gängig war. Herkömmliche Betrachtungen wurden abgelegt, neue Sichtweisen, Arbeitsweisen und Techniken wurden erprobt und erfunden. Die Geburt DADAs war nichts Geringeres als der Anspruch, die Welt zu verändern.

Wer von Kunst keine Ahnung hat, ahnt gar nicht, in welch tiefgreifender Weise dies gelungen ist. Unser Verständnis von und für Kunst, Ausdruck und Gestaltung ist in seiner Vielfältigkeit so selbstverständlich, dass wir die reichhaltigen Rückgriffe auf DADA bzw. seine Einflüsse im Umgang mit Material und Ausdruck nicht wahrnehmen. Typographie, Buch- und Zeitungsdruck, Illustration, Werbung und Reklame aller Art, Film, Theater, Tanz, Literatur und Dichtung und nicht zuletzt die bildende Kunst in all ihren Facetten – all das fußt auf dem Fundament dadaistischer Befreiungen und Schöpfungen. Allen voran: Auf der Collage, vielleicht dem dadaistischen Ausdrucksmittel schlechthin. Seit Jahrzehnten wird hierzulande jedes Schulkind mit dieser bahnbrechenden Technik vertraut gemacht, so dass die Collage manchem eher als Kinderei gilt. Völlig zu Unrecht.

Das Kunsthaus Stade widmet einer der Erfinderinnen der Collage eine kleine Werkschau: Hannah Höch, Dadaistin der ersten Stunde und neben Sophie Taeuber einzige Protagonistin der DADA-Szene. Obwohl Hannah Höch ihrem ureigenen Medium, das sie auch in die Malerei, in Kostüm- und Bühnenbild übertragen hat, bis zu ihrem Tod 1978 treu geblieben ist, widerfährt ihr permanent ständige Ungerechtigkeit. Ihre kunstgeschichtliche Bedeutung ist zwar unbestritten, gleichzeitig wird sie dennoch dauernd in einem Atemzug mit ihren männlichen Kollegen genannt. Vielleicht soll sie das adeln. Vielleicht sollen damit ihre intensiven Freundschaften und langjährigen Arbeitsbeziehungen zu den herausragenden Künstlern ihrer Zeit herausgestellt werden. In Wahrheit beschneidet das ihren Rang in unerträglichem Maße, in Wahrheit ruht hierin ein beständiger Vorwurf an ihre Schwanzlosigkeit. Denn wäre Hannah ein Hans oder Hannes Höch gewesen, würde man den nicht dauernd in Nebensätze verpacken. Dann würde man Max Ernst, Hans Arp, Hugo Ball, Kurt Schwitters, Richard Huelsenbeck, Raoul Hausmann, Johannes Baader, John Heartfield, George Grosz und wie sie nicht alle heißen an Höch messen – und nicht umgekehrt.

Das Kunsthaus Stade ist ein charmanter Ausstellungsort. Auf seinen drei Etagen schaffen die niedrigen Deckenhöhen des Fachwerkgemäuers, in dem allzu Großformatiges nicht gezeigt werden kann, zwangsläufig eine fast private Atmosphäre. Hier wähnt man sich eher in den Räumen eines Privatsammlers, denn in einer musealen Galerie. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die Zusammenstellung der Schau. Die etwa 80 Exponate sind nicht aus den Museen der Welt zusammengetragen, sondern vorrangig aus privaten Sammlungen und dem Nachlass Höchs. So ergibt sich eine einmalige Gelegenheit auf die Entdeckung so mancher kleinen Meisterwerke, die der Öffentlichkeit ansonsten kaum zugänglich sind, und nebenbei auch ein Blick in Hannah Höchs privates Fotoalbum, mit dem man sich gerne in ein stilles Eckchen zurückziehen würde. Festgehalten für die nächsten 100 Jahre DADA ist die Ausstellung im absolut empfehlenswerten Katalog von Sebastian Möllers und Luisa Pauline Fink.

###########################################
Ausstellung: „Vorhang auf für Hannah Höch“
Kunsthaus Stade
Wasser West 7, 21682 Stade
bis 21. Februar 2016
############################################
Katalog:„Vorhang auf für Hannah Höch“
Sebastian Möllers und Luisa Pauline Fink
Michael Imhof Verlag, 96.S, € 22,90
############################################

Neu: Iven auf Twitter

Neues Buch: Es geht auch ohne Elke, Elke

Elke-cover-vorn

  • Taschenbuch: 114 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent; 3. Auflage
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1517683475
  • ISBN-13: 978-1517683474
  • € 6,01

Erhältlich bei Amazon

2 Tipps für Anarchisten

  • 1.Tipp: Telekom verarschen

Im Sommer hat die Telekom unter dem Motto „Aus Grau wird bunt“ die kotzhäßlichen Verteilerkästen, die jedes Stadtbild veröden (und oft voll bescheuert im Weg herumstehen), zur Gestaltung freigegeben. Feines Ding, sollte man denken. So offen ist die Telekom dann aber dann doch nicht, dieses Angebot ohne Pferdefuß zu unterbreiten. Immerhin hält die sich immer noch für die Post, im Geiste also für eine Behörde.

Wer einen grauen Kasten bemalen möchte, muss bei der Telekom einen Entwurf einreichen. Damit unterliegt jede Bemalung nicht nur den ästhetischen Launen der Telekom, die uns künftig vorschreibt, was wir im Straßenbild zu sehen bekommen, sondern zwangsläufig auch der Zensur. Es ist also absehbar, dass auf grauen Kästen künftig massenhaft hübsch gepinselte Belanglosigkeiten zu sehen sein werden.

„Die Gehäuse dürfen nur mit ethisch sowie politisch und religiös neutralen Darstellungen gestaltet werden“, wie es im Flyer heißt. Nichts Kritisches also, nichts, an dem der Geist entbrennt.

„… die bunten Kästen sehen eindeutig schöner aus! Und schrecken nebenbei den ein oder anderen Möchtegern-Graffiti-Künstler davon ab, seine Spuren auf den Gehäusen zu hinterlassen,“ heißt es im blog der Telekom. Das sagt eigentlich alles. Aber die Telekom legt noch eine putzige Entlarvung obendrauf: „Damit der Look der Kästen nicht „verschlimmbessert“ wird, haben die Kollegen schon noch ein Auge darauf, was die kleinen und großen Künstler da vorhaben.“

Außerdem dürfen keine Lacke verwendet werden, sondern nur Dispersionsfarben. Ich hab zwar noch keinen Kasten entdeckt, der von Lack in die Knie gezwungen wurde. Aber ich bin offen für Experimente  und habe versucht, das Phänomen zu ergründen: Allerdings ist es mir nicht gelungen, selbst unter 24 Lackschichten einen der grauen Kästen aufzulösen – oder auch nur anzulösen. 

Es dürfte also um die Haltbarkeit gehen: Lack kriegste nicht so ohne Weiteres wieder ab – Dispersionsfarben schon. Die Telekom hält sich also bloß ein Hintertürchen offen, falls es ihr eines Tages doch noch zu bunt wird mit ihrer fröhlichen Idee …

Und jetzt der Tipp, wie die Sache trotz der eingebauten Haken und Ösen richtig gut werden kann:

Machs wie ich. Reich einen total banalen Entwurf ein, den Du in jedes katholische Altenheim pinseln könntest, ohne dass Opa sich einnässt. Wenn Du deine Genehmigung hast, malst Du aber einfach das, was Du willst!

Und wenns (hinterher) Probleme gibt, zuckst Du locker mit den Schultern und sagst:

„Hm, ich hab noch gar nich angefangen.“

Verstehste? 😉

Auf eine heftige Unverschämtheit soll noch hingewiesen werden: Wenn wir der Telekom großzügig zugute halten, dass denen endlich mal aufgefallen ist, wie beschissen ihre sogenannten Multifunktionsgehäuse aussehen – warum lassen sie sich die Aufwertung ihrer Kästen, die sie absichtlich in voller Hässlichkeit in alle Städte stellen, schenken! Die Telekom ist ein Milliardenkonzern, der hier aufs Asozialste Künstler und die Kunst ausbeutet und sich darin noch einen jugendlichen, toleranten Anstrich verleiht!

 

  • 2. Tipp: Neues Alarmsystem verarschen

Um Graffitisprayern das Leben schwer zu machen, wurde ein Alarmsystem entwickelt, welches auf das Klackergeräusch der Dosen anspringt. Einmal geschüttelt, und alle Scheinwerfer gehen an und die Polizei wird direkt informiert.

Dieses Alarmsystem enttarnt selbstverständlich nur Anfänger oder ausgesprochene Vollidioten, an denen die Erfindung des Magneten vorübergegangen ist. Ein kleines Ding am Boden der Kanne lässt jeden Geräusch verstummen: System außer Kraft gesetzt und verarscht. 

Noch schöner ist es allerdings, das Alarmsystem ad absurdum zu führen, indem man ständig leere Dosen mit sich führt und fleißig schüttelt. Es gibt doch diese handlichen kleinen Hosentaschendosen, die sind eh schnell leer gemalt. Kanns kaum abwarten, bis so ein Alarmsystem in Hamburg eingeführt wird. Bin schon gespannt, wie viel Fehlalarme es braucht, um das Ding abzuschalten …

Nicht zu vergessen, die geräuschlosen Methoden der Streetart: Marker, Pasteups, Sticker usw. …

Pasteups
3 Pasteups an einer gammligen Tür in Kassel

 

 Neu: Iven auf Twitter

Neues Buch: Es geht auch ohne Elke, Elke

Elke-cover-vorn

  • Taschenbuch: 114 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent; 3. Auflage
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1517683475
  • ISBN-13: 978-1517683474
  • € 6,01

Erhältlich bei Amazon